Objektifizierung

Jeder neue Blog will Leser. Nach einer der binsenweisheitigsten Binsenweisheiten muss man provozieren, wenn man Aufmerksamkeit will. Ich will nicht provozieren, aber mich immerhin zu einem heiklen Thema äußern: Objektifizierung.

Es ist hier und hier schon ein wenig dazu angeklungen, aber ich will ins Grundsätzlichere gehen.

Von feministischer Seite wird Objektifizierung so definiert:

„Sexuelle Objektifizierung ist die Sicht auf Menschen als Objekt der Begierde.
Objektifizierung steht entgegen der Wahrnehmung anderer als Individuen mit komplexen Persönlichkeiten und eigenen Wünschen und Plänen. Dies geschieht, besonders in Bezug auf Frauen, indem nur über ihren Körper oder Teile ihres Körpers gedacht oder gesprochen wird.“

Ich halte das für falsch. Objektifizierung hat für mich zunächst nichts mit Begierde zu tun. Sie ist vielmehr eine Strategie der Alltagsbewältigung.

Objektifizierung findet ständig überall statt, in unser aller Gehirnen. Und das ist gut so. Objektifizierung ist in meinen Augen eine Strategie, die uns Menschen hilft, die Wahrnehmung unserer Umgebung einfach und simpel zu halten. Die Welt, die wir ständig sehen, ist prinzipiell überkomplex, hat unendlich viele Dimensionen und Ebenen. Objektifizierung ist eine Möglichkeit, das Überkomplexe handhabbar zu machen. Nämlich, indem Menschen bei Bedarf als Objekte gedacht werden.

Der Bedarf kann ganz unterschiedlich sein. Wenn ich in der Fußgängerzone unterwegs bin, dann sind andere Menschen für mich zunächst Objekte. Hindernisse und Störgegenstände, denen ich ausweichen, an denen ich vorbei muss. Die Gefühle, Sorgen, Charaktere und Hoffnungen der anderen interessieren mich nicht, sie sind für mich irrelevant. Es ist effizienter für mich, die anderen als Objekte Das Schöne am menschlichen Gehirn ist aber, dass es so elegant flexibel und wunderbar schnell ist. Es kann nämlich auch ohne Verzögerung ent-objektifizieren. Wenn mich jemand anspricht und bspw. nach dem Weg fragt, wird aus dem Objekt postwendend für mich ein Mensch mit einem Problem, das ich vielleicht lösen kann. Je nachdem, wie sich das Gespräch entwickelt, offenbart sich für mich womöglich ziemlich zügig ein Teil der Persönlichkeit des anderen.

Noch ein Beispiel. (Und jetzt verstoße ich gegen das ungeschriebene Gesetz, nachdem Fußball-Allegorien kurz nach einem Turnier-Aus einer deutschen Mannschaft strikt verboten sind.) Wenn ein Fußballspieler meiner Mannschaft im Fünf-Meter-Raum einen Pass bekommt, interessieren mich in dem Moment seine Gefühle, sein mentaler Zustand, der enorme Leistungdruck, der auf ihm lastet, nicht. Mich interessiert, ob er den Ball hinter die Linie drückt. Gelingt ihm das und sehe ich ihn jubeln, fühle und freue ich mich sofort mit ihm. Das Objekt wird sofort Mensch.

Im fiktionalen Bereich kennt man Objektifizierung zum Beispiel aus Actionfilmen. Die (fast immer männlichen) Gegner des Super-Helden sind auch nur Objekte, Kampfhindernisse, die es zu überwinden gilt. Darüber regt sich auch niemand auf.

Wozu diente Objektifizierung in den gesehenen Beispielen? Sie dient dazu, die Wahrnehmung handhabbar zu machen, die eigenen Gedanken zu fokusieren und – jetzt kommts – auch zum Lustgewinn. Individuen zu Objekten zu machen, räumt Störendes aus der Bahn und gibt den Weg frei für die eigenen Lust und Libido. Weil Objekte auch im sexuellen einfacher wahrzunehmen und handzuhaben sind.

So funktionieren Objektifizierung und Ent-Objektifizierung auch im Porno wunderbar. In einer entsprechenden Rezeptionssituation (vulgo: beim Wichsen) reduzieren die Betrachtenden die Betrachteten auf ein Sexualobjekt. Sieht man hinterher z.B. im Making-of ein Interview mit der Darstellerin, wird sie – schwupps – vom Sexualobjekt zum Individuum.

Und wo, fragt man sich, ist das Problem? Menschen sind in der Lage andere Menschen, je nach Situation als Individuen oder als Objekte wahrzunehmen, sie können zwischen beiden Modi je nach Bedarf blitzschnell umschalten. Zum Problem wird das erst, wenn das Umschalten nicht oder falsch funktioniert. Wenn jemand einen anderen als Objekt des Aggressionsabbaus sieht oder dann zum Sexualbobjekt macht, wenn dies fehl am Platze ist. Aber das ist kein Problem der Objektifizierung insgesamt.

Und ein bisschen provoziert habe ich doch: Gleich im ersten Absatz habe ich nur „Leser“ und „man“ geschrieben. Ganz ungegendert. Das ist ein anderes Thema, aber vielleicht schreibe ich dazu auch mal was.

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3 Gedanken zu „Objektifizierung

  1. Wo ist der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt? Wenn ich das so lese (auch die Beiträge auf den hypergelinkten Seiten), kommt es mir so vor, als ob der Objekt- v Subjektstatus von der Wahrnehmung (das meint hier offensichtlich der sensorischen Perzeption und der Verarbeitung im Gehirn) abhinge. Soweit ich weiß hat man hier also schon das Terrain der Subjekt/Objekt-Dichotomie verlassen, bevor man überhaupt begonnen hat. Man könnte auch fragen, ob das Subjekt ebenfalls Objektstatus beansprucht, wenn es andere Subjekte aus Gründen der Pragmatik (das scheint ja das Ausschlagende Moment bei der Objektisierung [euer Begriff krankt etwas an Vielsiblululung] zu sein [?]) reduziert. Wenn ich meine bescheidene Meinung darlegen darf, scheint es mir hier mehr um eine mengetheoretische Frage zu handeln. Die Einteilung von Objekte in Mengen und Klassen ist ein ganz normales Geschäft. Sie dient eben zur „Vereinfachung“ einer a priori „überkomplexen“ „Welt“.
    Ich bin grad zu faul das jetzt zusammenzufassen:
    Wenn man was gscheites über Subjekt/Objekt lesen will:
    Alain Badiou : Das Sein und das Ereignis ; auch der Essay über Beckett ist empfehlenswert
    Die Antrittsvorlesung von Michel Foucault am Collège de France

    • Ich glaube, es geht hier weniger um Subjekt-Objekt-Fragen als viel mehr um die Behauptung, Frauen würden zu „Gegenständen“ gemacht. Sprich: All ihrer Individualität und auch Menschlichkeit beraubt und auf diese Weise diskriminiert.
      Deinem Aspekt mit „Vereinfachung einer überkomplexen Welt“ stimme ich vollkommen zu. Das ist ja auch mein Punkt

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