Wovor soll die Ehe geschützt werden?

In den letzten Tagen kam in der politischen Diskussion immer wieder ein Satz zur Sprache, der (vermeintlich) jede parlamentarische Entscheidung bindet, nämlich Artikel 6, Absatz 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland:

Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.

In konservativen Kreisen wird diese Norm gerne genutzt, eine Erklärung für die Ablehnung der Homo-Ehe vorzubringen: „Das Grundgesetz verbietet es eben.“ Abgesehen von der Frage was „Ehe“ genau bedeuten soll (Darf es Ehen mit mehr als zwei Menschen geben? Ober mit Tieren? Oder mit Gegenständen), stellt sich mir eine ganz andere Frage: warum eigentlich? Warum eigentlich sollen „Ehe und Familie“ unter besonderem Schutz stehen?

Unter Schutz steht zum einen, was für besonders schwach gehalten wird, was sich nicht wehren kann. Dies sind beispielsweise Behinderte und Kranke. Zum anderen steht unter Schutz, was der Staat für besonders wichtig hält. Das ist zur Zeit unter anderem das Papier.

Was davon trifft nun auf „Ehe und Familie“ zu? Ersteres sicherlich nicht. Warum sollen zwei Menschen, die heiraten, plötzlich schwächer werden? Sind sie zuvor schon behindert, gebrechlich oder aus sonst einem Grund schwach oder hilflos, steht ihnen eh Schutz zu. Sind sie zuvor körperlich und geistig gesund, werden sie durch ihre Ehe sicherlich nicht zu den Schwächsten der Gesellschaft, auf denen man trampeln würde, gäbe es keinen staatlichen Schutz (Witze erspare ich mir an der Stelle).

Also muss es der andere Grund sein: Der Staat hält „Ehe und Familie“ für besonders wichtig. Und hier frage ich mich, womit sich das rechtfertigen lässt. Mit dem Kinder-Kriegen? Sicherlich nicht. Kinder müssen und mussten noch nie in „Ehen und Familien“ gezeugt, geboren und erzogen werden. Genauso wie es auch andersherum „Ehen und Familien“, besonders Ehen, ohne Kinder geben kann.

Die einzige Erklärungsmöglichkeit, die bleibt, heißt: Konservatismus. Ehe sind wichtig, Menschen vorzugaukeln, dass noch alte Werte gelten. Ganz wertneutral betrachtet, ist das (vielleicht) schön und gut, hat aber nichts im Grundgesetz verloren. Ins Grundgesetz gehört nur, was wirklich schützenswert ist: Und das sind in diesem Fall Kinder und Eltern. Kinder, weil die hilflos und unselbstständig geboren werden. Eltern, weil sie zeitlich und finanziell die Belastung der Erziehung manchmal nicht alleine stemmen können.

Wenn es nach mir ginge, lautete Artikel 6, Absatz 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland:

Kinder und Eltern stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.

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3 Gedanken zu „Wovor soll die Ehe geschützt werden?

  1. Forderst du dann auch neue Artikel, wie zum Beispiel „Kranke und Behinderte stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung“, oder „Menschen mit einem Behinderungsgrad von mindestens 50% stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung“, oder „Menschen, deren IQ unter 75 liegt, stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung“?
    Sind Kinder und Eltern irgendwie so herausragend schutzbedürftig, dass gerade sie in der Verfassung erwähnt werden müssen, andere aber nicht?
    Braucht jemand besonderen Schutz, wenn er wegen seiner Kinder sein Leben nicht geregelt bekommt, aber nicht, wenn er es wegen seiner Modelleisenbahn nicht schafft? Wieso?
    Ich glaube, ich kann dir nicht ganz folgen.

    • Vielleicht ist das tatsächlich etwas undeutlich geblieben.
      Ich habe nichts dagegen, ins Grundgesetz einen allgemeinen „Schutzartikel“ aufzunehmen, in dem ungefähr umrissen wird, wer besonderen Schutz genießt und wer nicht.

      Aber: In Artikel 6 geht es insgesamt ja um Kindererziehung, Schulen etc. Und letztlich folgen alle Bestimmungen dort aus dem Absatz 1. Ich unterstelle den „Verfassungsvätern“ (und wenigen -müttern) da in Etwa folgenden Gedankengang: „Ehe und Familie genießen besonderen Schutz, daher erwachsen besondere Rechte, deshalb dürfen Eltern über die Erziehung ihrer Kinder selbst bestimmen, über den Religionsunterricht selbst entscheiden etc.“
      Ich sage: Kinder erwachsen nicht (zwangsläufig) aus Ehe und Familie, sondern – viel allgemeiner formuliert – werden von „Eltern“ geboren und gezeugt. Daraus folgt für mich:
      1. Die Kinder selbst sollten in den Mittelpunkt rücken.
      2. Der „besondere Schutz“ gilt eben nur für Eltern und nicht für alle anderen Ehen- und Familienformen.

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