Grundlagen der Bashologie

„Traue keine Zitat, das du im Internet gelesen hast!“ – Abraham Lincoln

„So ein Quatsch. Das Zitat ist von Elvis Presley! Hab ich im Internet gelesen.“

Manche Mitmach-Seiten erfordern aufmerksame Seitenbetreiber. Wer auf Nutzer-Einsendungen lustiger Dialoge angewiesen ist, wie die Betreiber von smsvongesternnacht.de oder webfail.at, sollte wissen, dass so manches Male ein Kuckucksei unter den Einsendungen ist. Seit geraumer Zeit ist es üblich, lustige Mails, witzige SMS-Dialoge und schlagfertige Chat-Gespräche auf Seiten zu sammeln und dem Internetvolk zur Belustigung vorzulegen. Doch die bekömmlich-leichte Kost wird durch das ein oder andere Haar in der Suppe verdrießlich gemacht, wenn man das komische Gefühl bekommt: „Das kenn ich doch irgendwoher.“

Ein Beispiel: Zwei Menschen kommunizieren. Der eine macht ein Liebesgeständnis, die andere sagt: „Oh, dass du dasselbe fühlst wie ich! Wie toll! Ich liebe dich auch!“, daraufhin der erste: „Upps. Verwechselst. War nicht an dich.“ (So gesehen auf http://de.webfail.at/image/ich-liebe-dich-zu-sehr-facebook-chat-fail.html und http://www.smsvongesternnacht.de/sms60370. Es gab auch noch ein drittes Zitat, das ich jetzt nicht mehr finde. Das hier geht in eine ähnliche Richtung: http://www.smsvongesternnacht.de/sms32049)

Zufall? Vielleicht.

Aber es geht noch eindeutiger:

<Gina> Ich Sitze gerade in Unterwäsche vor dem Pc
<Gina> Was machst du, süsser?
<Moock> Hab mir gerade voll den fetten Popel aus der Nase gezogen <Gina> iiih, warum erzählst du so ecklige sachen?
<Moock> du hast doch angefangen!

So zu lesen auf germanbash.de de seit 2009. Und seit kurzer Zeit in fast denselben Worten auch auf webfail.at. Zufall? Wohl eher nicht.

Es gibt noch viele solcher Beispiele, gerne findet sich das auch auf Twitter, auf StudiVZ (Die Älteren erinnern sich) waren viele Gruppen nach germanbash.de-Zitaten benannt. Aber ich fürchte, es hat sich noch niemand Gedanken über dieses Phänomen gemacht. Es wird Zeit, dass hier wissenschaftlich zu Werke gegangen wird. Da ich, ohne dazu bereits Studien durchgefüht zu haben, bash.org als „Mutter“ aller „Witze-Zitate-und-Steitgespräche“-Seite ansehe, gebe ich der Wissenschaft den Namen: Bashologie.

Die erste Erkenntnis unserer gerade aus der Taufe gehobenen Forschungsdisziplin ist, dass angeblich „nutzergenerierte“ Textschnipsel nicht authentisch Erlebtes, historisch Verbürgtes, Originelles oder Neu darstellen müssen, sondern oft gängigen Mustern folgen, nach Vorbildern erstellt werden, Vorlagen nur modifizieren oder schlicht kopiert sind.

Aber warum ist das so?

Nach jahrelanger, bislang undokumentierter bashologischer Feldforschung ist mir soeben auf der Toilette der Grund eingefallen: Die Textschnipsel, Mail-Ausrisse, SMSen, die uns erheitern sollen, sind keine „Erlebnisprotokolle“, sondern Witze. Witze werden ständig angepasst, man spricht dann von „Wanderwitzen“. Witze können nicht gefälscht sein, Witze wollen lustig, boshaft, manchmal auch subversiv sein, behaupten aber nie, wiederzugeben, was geschehen ist.

Heißt das, alles, was wir an Geschichten, Kurznachrichten, Chat-Protokolle oder Mails auf entsprechenden Seiten im Netz lesen, ist nie passiert, nur gut erfunden, obwohl es uns doch so realistisch vorkommt, obwohl sich vielleicht sogar ehrbare Netzbürger für die Echtheit verbürgen? Wohl kaum. Die Erklärung ist viel eher, dass das Web seinen Humor aus dem Geschehen speist. Das Netz wird mit lustigen Erlebnissen, pointierten Gesprächen und lachhaften Anekdoten gefüttert und saugt sie auf. Was aber einmal im Internet ist, darf angepasst, adaptiert, kopiert und weiterverbreitet werden – wird unterwegs vielleicht lustiger, verliert aber seine Authentizität. Es wird – eben – ein Witz.

Seitenbetreiber sollten also aufpassen: nicht darauf, ob ihnen „gefälschtes Material“ untergeschoben wird, sondern ob sie allzu alte Witze veröffentlichen. Denn Altes und Langweiliges interessiert bestenfalls Menschen, die sich einer abseitigen Nischenwissenschaft verschrieben haben: Willkommen in der Bashologie!

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