Freiheit bringt Innovationsdruck – Konstruktives zum Urheberrecht

Diskussion um das Urheberrecht, die momentan nach der ACTA-Ablehnung und das spanische Zensur-Gesetz wieder Fahrt aufnimmt, ist von Polemik, Unsachlichkeiten, „Shitstorms“ gekennzeichnet. Emotional, mit fragwürdigen Analogien und manchmal auch mit gemeinen Unterstellen wird allzu oft gearbeitet. Zugegeben: Manchmal hat man auch gute Lust, mit dem verbalen Hammer auf die Gegenseite einzudreschen. Das hält zwar die Diskussion am Leben, führt jedoch zu nichts. Deshalb versuche ich mich mal an etwas Seltenem: einem konstruktiven Beitrag.

Seit jeher besteht die Konkurrenz zwischen den Verwertungskonzernen in der Frage des Angebots. Wer den populäreren Film oder das beliebtere Buch im Angebot hat, verdient mehr. Das heißt, die Verwerter verwenden einen Großteil ihrer Energie darauf, potenziell verkaufsträchtige Werke aufzuspüren und zu lizensieren. Dem gegenüber eher sekundär ist der Aufbau effizienter Vertriebswege und die übersichtliche Aufbereitung und Durchsuchbarmachung des Portfolios für die Kunden. Werbung dagegen ist wichtig. Ihre Botschaft lautet im Grunde stets: „Diese Ware ist super! Kauft es bei uns!“

Nehmen wir nun mal an, das Urheberrecht würde dahingehend modifiziert, dass jeder Verwerter alles verwerten dürfte, solange er die Urheber prozentual an seinem Gewinn beteiligt.

Der Einfachheit halber betrachten wir lediglich die möglichen Auswirkungen auf den Vertrieb von Filmen über das Internet. Cum grano salis ließen sich die Überlegungen sicherlich auf andere Bereiche übertragen.

Wenn ich heute einen Film sehen will, schaue ich zuerst auf videoload.de (Nein, ich bekomme kein Geld für Schleichwerbung.) Wenn es den Film dort online zu kaufen gibt, kaufe ich ihn dort. Warum? Nicht unbedingt, weil ich ein allzu schlechtes Gewissen hätte, wenn ich auf illegale Streaming-Angebote auswiche, sondern eher wegen des besseren Service: Es gibt dort keine künstlichen Wartezeiten, man will mir keine Schadsoftware als „Player“ unterjubeln, ich bekomme die Sprachversion, die ich will, der Stream läuft im Allgemeinen schnell und stabil, die Bildqualität ist wesentlich besser. Dafür bin ich bereit, zwischen (momentan) 2 und 4 Euro zu bezahlen. Leider ist das Angebot von Videoload sehr klein. Bei anderen legalen Streaming-Anbietern in Deutschland ist das nicht besser. Von der oben angedachten Liberalisierung des Urheberrechts würden diese Portale mithin nur profitieren. Nicht nur ich, sondern auch viele andere würden weitaus häufiger kostenpflichtige Filmdienste nutzen. Vermutlich würde die momentan sehr bescheidene Zahl solcher Angebote schnell wachsen. Und jeder hätte bald alles. Das heißt die Konkurrenz würde sich von der Frage des Angebots auf die Frage der Zugänglichkeit des Angebots verlagern. Die Arbeitszeit und die Energie, die momentan dafür aufgewendet wird, mit den Produzenten über Lizenzen zu verhandeln, könnte dahin transferiert werden, wohin sie allen Beteiligten nützt. Wer die bessere Bildqualität, die zuverlässigste Verbindung und das bequemste Bezahlverfahren hat, gewinnt.

Aber nicht nur das.

Das Filmangebot der Welt ist unübersehbar. Es ist für jeden Geschmack ist etwas dabei – man muss es nur finden. Und hier lassen einen die – legalen wie illegalen – Portale im Regen stehen. Bestenfalls kann man nach Genre, nach den Beteiligten und nach Produktionsjahr suchen. In einer Konkurrenzsituation, in der die Anbieter die Mitbewerber nicht mehr über das bessere Angebot ausstechen könnten, entstünde ein Innovationsdruck. Die Filmverwerter müssten eine Möglichkeit entwickeln, aus der unübersehbaren Filmflut jeder Kundin und jedem Kunden das zu geben, was er oder sie will. Das funktioniert heute bestenfalls über „Kunden, die Film A gesehen haben, wollten auch Film B sehen.“ Jeder weiß, dass das mäßig gute Empfehlungen generiert. Es müsste eine Software entwickelt werden, die einen Film in seiner Tiefe erfassen kann. Die komplexe sprachliche Suchanfragen verarbeiten könnte. Ich wünsche mir eine Filmsuche, die mir etwa auf folgende Anfrage ein sinnvolles Ergebnis liefert: „Gib mir einen Film mit der Story von ‚Anderland‘, dem Look von ‚Matrix‘ und einer Nuance Morbidität wie in ‚Interview mit einem Vampir‘, aber höchstens 110 Minuten lang!“

Das alleine reicht natürlich nicht. Ich könnte ja den so gefundenen Film auch woanders kaufen. Aber wenn dazu Preis und Bedienbarkeit stimmen, hätte das Portal einen zufriedenen Kunden mehr. Die Werbung würde so aussehen: „Wir haben genauso wie die Konkurrenz alles! Aber: Bei uns finden Sie am schnellsten, was Sie wollen, und sehen es am bequemsten!“

Was wir bis jetzt unterschlagen ist, ist die Sicht der Künstler und Produzenten. Aber auch hier sehe ich keine Probleme. Im Gegenteil: Die großen Filme wären noch präsenter, als sie es ohnehin schon sind. Nein, um die Großen müsste man sich wohl keine Sorgen machen. Aber auch und gerade Nischenkünstler würden profitieren. Ein Film, der nur drei Leuten auf der Welt gefällt, hätte viel größere Chancen als heute, diese drei Leute auch zu erreichen. Das potenziell Publikum wüchse und damit die Wahrscheinlichkeit, von den Nischenliebhabern entdeckt zu werden.

Und: Welcher Künstler träumt nicht davon, ein Werk zu schaffen, auf das die Menschheit gewartet hat, dass der Welt bis jetzt fehlte. Wenn endlich Zeit und Geld dafür verwendet wird, eine „Tiefensuche“ für Kunstwerke zu entwickeln, käme jeder Künstler diesem Ziel einen Schritt näher: Wenn die Portale ihre Suchanfragen offenlegen, kann er Einsichten gewinnen, was die Leute suchen und nicht finden.

Mithin: Eine Win-Win-Win-Situation: Künstler erreichen mehr Menschen, werden bekannter und verdienen mehr Geld, die Verwerter generieren zu den verwerteten Werken endlich einen Mehrwert und verdienen dafür zurecht Geld und die Kunden sehen genau die Produkte, die sie haben wollen, auf die schnellste und bequemste Weise

Den illegalen Anbieter würde das Wasser abgegraben. Sie könnten dem Druck, schnelle Server zu betreiben und intelligenter Suchalgorithmen zu implementieren, wohl wenig entgegensetzen.

Wer hätte verloren? Die Rechtsabteilungen der Konzerne. Für die gäbe es keine Lizenzen mehr auszuhandeln. Aber um ehrlich zu sein: Das finde ich nicht schade.

Mit welchem Prozentsatz müsste ein Streaming-Anbieter die Produzenten am Gewinn beteiligten? Und gälte für jeden Film der gleiche Prozentsatz – oder für den Blockbuster mehr? Wie würde man das abwickeln? Wer kontrolliert, dass alles ordnungsgemäß abläuft? Das sind Fragen, die gestellt werden müssen, auf die ich noch keine Antwort habe. Aber ich bin mir sehr sicher, dass sich da Lösungen fänden. Wenn der Wille der Beteiligten da wäre, eine Lösung zu finden, von der alle profitieren.

Und an dieser Stelle endet die Vision. Gewiss müsste ich jetzt erörtern, wo denn Analogien und Unterschiede zum Buchhandel bestehen (wo auch jeder alles verkaufen darf), mich mit den Argumenten der Buchpreis-Bindungs-Befürworter auseinandersetzen. Müsste aufdröseln, wie mein Vorschlag die Position der eigentlich Kreativen gegenüber den Produzenten und Studio-Chefs, die ich hier in einem Topf geworfen habe, verändern würde etc. Aber das tue ich nicht. Konstruktiv sind meine Gedanken hoffentlich trotzdem.

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3 Gedanken zu „Freiheit bringt Innovationsdruck – Konstruktives zum Urheberrecht

  1. Ich glaube, ich bin nicht einverstanden.
    Das hat nicht mal damit zu tun, dass mir eine Filmsuche, wie du sie vorschlägst, sondern eher damit, dass ich deine Lösung grundsätzlich nicht so doll finde, falls ich sie überhaupt richtig verstehe.
    Erstens bin ich als Voluntarist natürlich strikt dagegen, Leute zu zwingen, sich auf bestimmte Geschäfte zu einigen. Wenn zwei Leute nun einmal eine Verwertung zu einem Festpreis vereinbaren wollen statt eine anteiligen Beteiligung, wer hätte das Recht, sie davon abzuhalten?
    Zweitens halte die Lösung auch davon ab nicht für sehr praktikabel. Wer würde denn den Gewinn bestimmen, der sich aus einer bestimmten Nutzung eines Werkes ergibt, und wie will der Urheber das überprüfen?
    Wie will der Gesetzgeber festlegen, welche prozentuale Beteiligung für welche Nutzung welchen Werkes angemessen ist?
    Nee. Kann ich mir nicht vorstellen.

    • 1. Ich würde nicht von einem Zwang, „sich auf bestimmte Geschäfte zu einigen“ reden. Ich meine eher: Wer ein Werk veröffentlicht, muss bestimmte Verwendungen dulden. Das ist die große Frage des Ausgleichs zwischen „Partikularinteresse“ und „Allgemeininteresse“. Schon heute müssen alle, die ein Werk veröffentlichen, dulden, dass es im Rahmen des Zitatrechts zitiert wird. In meinem Vorschlag käme die Duldung des Nutzens durch Verwerter bei einer gewissen prozentualen Umsatzbeteiligung hinzu. Niemand verbietet irgendjemandem, darüber hinaus oder abweichend davon eine Vereinbarung zu treffen.

      2. Die Sache der noch nicht ganz ausgereiften Praktikabilität gebe ich gerne zu. Aber ich glaube, es fänden sich Lösungen. Vielleicht könnte man eine öffentlich-rechtliche Treuhandgesellschaft zwischenschalten, an die die Nutzer das Geld zahlen und es dann weiterverteilt.
      Es müsste sich wohl alles besser am Umsatz und nicht am Gewinn orientieren.
      Und Pauschalabgaben gibt es ja schon zuhauf. Die zur Zeit viel gescholtene Gema macht ja nichts anderes. Ich denke, es könnten sich da Rahmen finden, mit denen alle leben könnten. Auch wenn ich nicht weiß, in welcher Größenordnung sich das bewegen soll.

      Und achja: Danke fürs Lesen und Kommentieren! Ich bin für kritische Anmerkungen immer dankbar!

      • Ich bin dir für deine Erläuterung auch dankbar.
        Zu diesem Thema habe ich selbst ja noch keine irgendwie belastbare Meinung. Ich glaube, ich bin tendenziell gar nicht für ein Urheberrecht.
        Aber ich sollte mich da erst noch besser informieren, bevor ich mich festlege.

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