Was den Papst von Mohammed unterscheidet

Hinlänglich bekannt ist die Vorgeschichte: Die „Titanic“ hievt Ratzinger mit einem großen Urinfleck aufs Cover, dessen Anwälte klagen und erreichen eine einstweilige Verfügung.

Vielleicht weniger bekannt ist, wie – man muss es sagen – naiv der Titanic-Chefredakteur Leo Fischer sich äußerst:

„Das eigentlich Schockierende ist doch, dass es hier nicht um Geschmacksfragen geht. Sondern darum, dass das Cover in einer erstaunlichen Geschwindigkeit verboten wurde. Dass bei solch einer Verletzung von Presse- und Meinungsfreiheit keine stärkere Solidarisierung der Journalisten stattgefunden hat, ist verrückt.“

Über solche Aussagen kann ich nur den Kopf schütteln. Der Mann ist doch lange genug im Geschäft. Jedes Kind weiß, dass sich das Hamburger Landgericht die Abschaffung der Meinungs- und Pressefreiheit zum Ziel gesetzt hat. Dessen 24. Zivilkammer unter ihrem Vorsitzenden Andreas Buske gibt selbst in absonderlichsten Fällen Klagen gegen die Presse Recht. Fiktives Beispiel: Eine Frau mit dem Vornamen „Wolke“ könnte mühelos eine einstweilige Verfügung gegen Wettermeldungen wie „Morgen zieht eine dunkle Wolke auf“ erwirken. Das alles ist seit Jahren hinlänglich bekannt und kaum jemand regt sich darüber auf. (Link-Tipp: http://www.buskeismus.de/)

Etwas bekannter dürfte eine in diesen Tagen gerne gezogene Analogie sein. Die geht so: Die Mohammed-Karikaturen wurden mit wehenden Wimpeln unter der Flagge der Meinungsfreiheit verteidigt, während das Titanic-Titelbild allenthalben als Geschmacklosigkeit und Verhöhnung von Katholiken gewertet wird. Teilweise von denselben Leuten. Sehr schön herausgearbeitet wurde das auf http://wahrheitueberwahrheit.blogspot.de/

Es schadet nicht, wenn hier Menschen an den Pranger gestellt werden, die in beiden Fällen gleich argumentieren und je nach Gusto zu verschiedenen Ergebnissen kommen. Allerdings gibt es ein bislang übersehenes Faktum und das zeigt, warum man hüben und drüben eben nicht gleich argumentieren darf.

Und dieses Faktum heißt: Mohammed ist tot, Ratzinger lebt.

Bei den Mohammed-Karikaturen ging es um das Problem: „Verletzung religiöser Gefühle vs. Meinungsfreiheit“. Beim Titanic-Cover kommt noch etwas ganz anderes hinzu: das Persönlichkeitsrecht. Ja, auch Papst Joseph Ratzinger hat Persönlichkeitsrechte. Es geht hier vielleicht weniger darum, dass sich Millionen Gläubige verunglimpft fühlen, wenn ihr Oberhaupt beleidigt wurde, sondern womöglich auch darum, dass sich das Oberhaupt persönlich geschmäht sieht.

Zwar sagten die Römer, über Tote solle nur Gutes gesagt werden, doch spiegelt sich das ethisch (und juristisch) nur in Darstellung kürzlich Verstorbener wider. Bei Menschen, die 1400 Jahre tot sind, gilt es nicht. Menschen, die solange tot sind, haben keine Rechte mehr. Das erlaubt uns, historische Debatten über den Sonnenkönig zu führen, das erlaubt uns auch, den „Ötzi“ einigermaßen würdelos aufzubewahren und zur Schau zu stellen. Und das erlaubt eben auch, Karikaturen herzustellen, ohne dabei mit der Persönlichkeit des Dargestellten zu kollidieren. Wohl aber mit dessen Anhängern. Und in diesem Moment muss für die moralische Bewertung die Frage gestellt werden, inwiefern der Papst seine eigene Persönlichkeit in den Vordergrund stellt, die Sache also als Privatangelegenheit betrachtet, oder inwieweit er seine Kirche und Anhängerschaft vorschiebt und den Streit zu einem religiösen Streit macht. Wie die Vatikananwälte hier argumentieren (werden), ist mir momentan unbekannt. Das spielt juristisch keine große Rolle, denn wie die Hamburger urteilen werden, ist klar. Siehe oben.

Moralisch spielt es allerdings durchaus eine Rolle. Denn die Moral der Geschichte lautet: Wenn man auf Katholiken einschlagen will, muss man nicht unbedingt auf den aktuellen Papst einschlagen (da hätte es auch ein längst toter getan). Und wenn man auf jemanden persönlich einschlagen will, sind dessen Anhänger eher irrelevant. Seine Rechte aber sehr wohl.

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