Genug GEZankt

Konrad Lischa hat gefragt, wozu wir die Öffentlich-Rechtlichen brauchen. Ich hätte da eine Antwort.

Nun ist GEZ-Mafia-Bashing ziemlich einfach. Darzulegen, wie schlecht die Sendungen von ARD und co. sind, wie bescheuert System ist, wäre ein sehr dankbares Thema. Ich könnte einen vergnügten Abend damit verbringen, immer fiesere Formulierungen, immer schärfe Verurteilungen zu ersinnen und wäre zudem sicher, mit meiner Meinung nicht alleine zu stehen.

Aber ich gefalle mir zur Zeit in der Rolle des konstruktiven Kritikers. Ich will Blogger mit der Maurerkelle sein statt der Philosoph mit dem Hammer.

Also wofür brauchen wir im 21. Jahrhundert öffentlich-rechtliche Medien in Deutschland? Was spricht gegen ihre völlige Abschaffung? (Die Sache mit den Arbeitsplätzen lasse ich hier nicht gelten.)

Meinungen zu jedem erdenklichen Thema gibt es weiß Gott genug außerhalb der GEZ-Welt. Für jeden jederzeit zugänglich. Auch im privaten Fernsehen gibt es ab und an ausdurcksstarke Häppchen, mehr noch aber im Internet. Dieser Blog ist einer von hunderten Politblogs. Ehrlich: Wer braucht für seine Meinungsbildung den Tagesthemen-Kommentar? Ich glaube: sehr wenige.

Noch klarer ist das bild bei der Unterhaltung. Medien zur Zerstreuung, Erzählendes, Spannendes und Triviales gibt es wie spitze Steine im Meer: Mehr als ein Mensch sich in einem Leben zumuten kann.

Auch um die reine Nachricht ist es nicht schlecht bestellt. Nachrichtenseiten und -sender, Twitter-Kanäle, Foren und Blogs, die Agenturmeldungen wiederkäuen und durchnudeln fehlen nicht in diesem Lande. Ein Sender mehr fiele hier wirklich nicht ins Gewicht.

Was allzu oft fehlt, ist Recherche.

Langfristig angelegte, gar investigative, tiefschürfende und fundierte Recherche ist ein seltenes Tier im deutschen Medienzoo geworden. Es gibt sie, aber es gibt nicht genug davon. Hier und nur hier müssten die Öffentlich-Rechtlichen ran.

Und weil es dazu kein Milliarden-Budget bräuchte und die GEZ-Zwangsabgabe so oder so weg muss, hier mein Vorschlag:

Alle öffentlich-rechtlichen Sender stellen zum 31.12.2012 jeden Betrieb ein. Das Gros der Belegschaft wird entlassen, Gebäude und Technik verkauft. Die GEZ-Gebühr wird jedoch noch ein weiteres Jahr eingezogen. (Wer dann noch nicht prellt, ist selber schuld, aber es dürfte trotzdem noch genug zusammenkommen.) Das Geld das dabei reinkommt, fließt in eine unabhängige, aber staatlich kontrollierte Stiftung. Ähnlich wie die „Stiftung Warentest“.
Von Stiftungsvermögen wird eine Redaktion bezahlt, die recherchiert. Die Hintergründe abklopft und ab und an sogar in den Untergrund geht. Auf die Aufbereitung und Präsentation ihrer Ergebnisse verwendet sie keine Mühe. Alles Fertigrecherchierte wird im Rohzustand als „Creative commons zero“ (sozusagen gemeinfrei) veröffentlicht. Andere Sender, Medien, Blogs oder wer auch immer können alles nach Blieben aufgreifen und aufhübschen.

Das würde der Medienlandschaft gut tun. Der ewige Streit wäre weg, es hätte sich ausgezankt.

Ich glaube nicht, dass die privaten Medien dann (noch) weniger recherchieren würden. Aber in allen Fällen, wo nur auf öffentlich-rechtlich Recherchiertes zugegriffen wird, würde es Waffengleichheit zwischen großen Online-Medien und Bloggern herstellen.

Dinge, die den Staat nichts angehen. Teil 2: Namen

Wenn man nicht gerade für totale Anarchie und gegen jeden Staat ist, wird man nicht um die Tatsache umhinkommen, dass der Staat seine Bürger_innen (irgendwie) „verwalten“ muss. Dazu legt der Staat Datensätze an. Der Staat braucht z.B. meine Adresse, um mit mir in Kontakt treten zu können. Er muss wissen, wie alt ich bin, wenn es beispielsweise um die Frage geht, ob ich einen Führerschein beantragen kann oder Rente beziehe.

Der Staat muss auch eine in der Lage sein, festzustellen, ob der lebendige Körper, der gerade vor ihm steht, zu dem Datensatz gehört, zu dem der Körper behauptet zu gehören. Sprich: Der Bürger muss sich ausweisen können. Dazu braucht es biometrische Daten.

Wenn ich mir meinen neuen Personalausweis anschaue, dann befindet sich dies alles darauf: Geburtsdatum, Adresse, „Biodaten“ (Augenfarbe, Größe, Foto, elektronisch der Fingerabdruck, die Unterschrift), dazu ein paar Sicherheitsmerkmale.
Ganz oben aber steht da noch etwas: mein voller Name.

Und nun frage ich mich: Wozu muss der Staat den wissen? Wozu braucht der Staat, der mich „verwaltet“ die Information, wie ich mich nenne und wie ich genannt werde?

Früher hatten Namen in staatlichen Verwaltungssystem sicherlich einen Sinn. Vor 400 Jahren war es für den Ratsschreiber sicher einfacher, eine Akte mit „Philippus Seldeneck“ anzulegen, statt sich die Nummer 543567467568 zu merken. Heute ist es umgekehrt. Jeder, der mal mit einer Datenbank gearbeitet hat, weiß, dass Strings zur Kennung eines Datensatzes denkbar ungeeignet sind. Dazu taugen Zahlen besser. Das hat auch der Staat erkannt und uns alle mit einer „Steuernummer“ beglückt. Warum aber hat er die Kontrolle über die Namen behalten? Was geht es den Staat an, wie ich heiße? Wie man mich nennt, wie ich mich selbst nenne?

Man mag einwenden: „Wenn der Staat nicht aufpasst, nennen Eltern ihre Kinder ja wie so wollen, geben ihnen alberne Fantasienamen wie ‚Einhorn‘ oder ‚Lillifee‘ – und die Kinder sind gestraft fürs Leben.“

Das Gegenteil ist der Fall. Die Betroffenen haben heute ein Problem: Ein „Traugott“ oder eine „Tussnelda“ hat heute einen langen Marsch vor sich, einen solchen Namen zu ändern. Schließlich ist der Personenbezeichnung ja staatlich sanktioniert.

Hielte sich der Staat aus der Sache raus, wäre es einfach: Jeder, der von seinen Eltern einen (in seinen Augen) bescheuerten Namen erhalten hat, könnte eines schönen Morgens beschließen, anders zu heißen. Ganz unbürokratisch.

Kinderpornographie

Vielleicht haben sich die Gemüter ja schon wieder etwas beruhigt. Rickard Falkvinge, Urahn aller politischen Piraten, hatte die Legalisierung von Kinderpornographie gefordert. Wie nicht anders zu erwarten war (und von ihm sicher so gewollt), brach nach einer solchen Äußerung zum heikelsten Thema in der westlichen Welt eine Welle der Entrüstung über ihn herein, die deutlich größer war als ein lauer Wind im Wasserglas.

Auch ich habe zu diesem Thema etwas zu sagen. Ich will mich jetzt allerdings gar nicht so sehr mit Falkvinges Argumenten und den Absurditäten der Regelung im heutigen Deutschland befassen, sondern darlegen, worauf in meinen Augen die Gesetze zum Thema basieren sollten und wie daher ein besserer Gesetzestext aussehen müsste.

These 1: Im Mittelpunkt müssen die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen stehen.

Ein Verbot von Kinderpornographie dient nicht dazu, die Allgemeinheit vor Kinderpornos zu schützen. Es geht nicht darum, zu verhindern, dass Ottonormalsurfer beim sonntäglichen Internetspaziergang auf eklige Sachen stößt. Es geht auch nicht um Jugendschutz. Dazu reichen die bestehenden Gesetze gegen Verbreitung pornographischer Schriften (§184 StGB).

Das oft gehörte Argument, Konsum von Kinderpornographie rege die Betrachter zum Kindesmissbrauch an, halte ich für absurd. Es ist für mich gar nicht die Frage, ob diese Behauptung stimmt, ob die (manchmal) genannten Studien korrekt sind oder nicht. Es ist für mich schlichtweg kein hinreichender Grund, eine Sache, einen Gegenstand, ein Kunstwerk, eine Schrift oder was auch immer zu verbieten, weil es möglicherweise manche Menschen zu einer Straftat animieren könnte. Menschen nehmen Eindrücke aus tausenden von Quellen wahr, schnappen die Realität häppchenweise auf, formen sich daraus ihr Weltbild und suchen ihren Handlungsraum darin. Niemand kann wissen, welcher äußere Einfluss einen Menschen letztlich zu einer bestimmten Tat bewegt hat. Aber das ist auch irrelevant. Wir würden unsere Gesellschaft kaputtmachen, wenn wir den Versuch unternähmen, alles zu verbannen, was irgendwie irgendwen irgendwann zu einem bösen Werk veranlassen könnte. Hier gehen Kunst-, Meinungs- und allgemeine Handlungsfreiheit definitiv vor Kriminalitätsprävention.

Nein, es geht alleine darum, die Betroffenen zu schützen. Nämlich diejenigen, die als Kind missbraucht wurden, deren Missbrauch gefilmt oder fotographiert wurde. Deren Bilder im Internet verbreitet werden. Ebenso wie ihre Angehörige. Ich kenne mich in diesem Bereich wahrlich nicht aus, aber es bedarf keiner Fachkenntnisse, um zu erahnen, welche Traumata und Schmerzen hier ausgelöst werden können. Zu wissen, dass Fotos und Videos, die einen in hilfloser Lage zeigen, in Tauschbörsen und Foren kursieren und – nennen wirs beim Namen – als Wichsvorlage genutzt werden.

Selbiges gilt gewiss auch für Eltern, deren Kind gar von einem Missbrauchstäter ermordet wurde. Es kann niemandem zugemutet werden, die Verbreitung solcher Fotos oder Videos gegen den eigenen Willen zu erdulden.

These 2: Kinderpornographie darf keine Monopolstellung einnehmen.

Öffentliche Diskussionen sind immer sehr selektiv. Manche kleine Reiberei auf der Welt erscheint täglich in der Presse, mancher Krieg auf Monate nicht.

Kinderpornographie ist schon seit Jahren, freilich aber nicht seit immer, en vogue. Auch unbedeutende Verdachtsfälle finden ihren Weg in die Medien, ihre Bekämpfung steht auf jeder politischen Agenda und rechtfertigt die möglichsten und unmöglichsten Forderungen. Kinderpornos gelten wohl vielen Menschen als das Abscheulichste überhaupt.

Anderes dagegen findet kaum statt.

Kinder wie auch Erwachsene können – leider – Opfer mannigfacher Straftaten werden. Blanke Gewalt, heimliche Demütigungen, offene Erniedrigungen. Es kann jedem passieren, Gewalttäter_innen hilflos ausgeliefert zu sein. Dabei fotographiert oder gefilmt zu werden, dürfte keine Seltenheit sein.

Ich will hier gar keine Skala einführen, welche Erlebnisse wie traumatisierend sein können. Ob sexueller Missbrauch schlimmer ist als Opfer von Bullying zu werden. Es geht schlichtweg darum, dass es gewisse Sachen gibt, denen die heutigen Gesetze nicht gerecht werden.

These 3: Die Verhinderung von Verbreitung und Nutzung ist das Entscheidende

Opfer von Missbrauch wie auch von anderen Straftaten, die fotographiert oder gefilmt wurden, haben zunächst dasselbe Recht wie alle Menschen in Deutschland: Sie können der Verbreitung ihres Bildes widersprechen. Wer ihr Bild dennoch verbreitet, macht sich strafbar (§22 und 23 KUG).

Nun sehe ich hier allerdings durchaus einen Unterschied zwischen netten Urlaubsfotos und dokumentiertem Missbrauch.

Ich glaube, dass es Fotos gibt, die für die Betroffenen so schlimm und unerträglich sind, dass es nicht ausreicht, nur das Verbreiten zu bestrafen. Ich sehe sehr wohl, dass es nötig ist, „beide Seiten“, Sender und Empfänger, mit Strafandrohung abzuschrecken und ggf. zu bestrafen.

Soweit sieht das auch die heutige Gesetzeslage zur Kinderpornographie so. Nur eines will mir nicht einleuchten: Was trägt Besitz zur Verbreitung bei? Medien, gleich welcher Art, diffundieren durchs Internet, indem die einen sie anbieten, für sie werben, Links setzen etc. und die anderen danach suchen und die Dateien herunterladen. Medien verbreiten sich nicht dadurch, dass sie jemand besitzt.

Und ich meine, behaupten zu können, dass es für niemanden traumatisierend ist, wenn Kinderpornos oder was auch immer ungenutzt auf einer Festplatte liegt. Für die Opfer schwer erträglich dürfte es sein, wenn sie wissen oder ahnen, dass sich die Fotos ihrer Hilflosigkeit verbreiten – und es Menschen gibt, die sich daran aufgeilen, sich über die Opfer lustig machen, sie verhöhnen und sich stark fühlen, wenn sie Menschen hilflos sehen. Und dadurch die Demütigung weitergeht.

Die bloße Existenz auf irgendwelchen Festplatten, gar die journalistische Recherche oder wissenschaftliche Forschung dürfte wenig problematisch sein. (Ich kann mich hier gewiss täuschen. Ich bin, wie gesagt, kein Experte.)

Also: Bestraft werden muss das Sich-aktiv-Verschaffen und die demütigende Nutzung. Das ist natürlich für die Damen und Herren Staatsanwälte wesentlich schwieriger nachzuweisen als der bloße Besitz. Aber so funktioniert nun mal ein Rechtsstaat. Bestraft wird, was schadet und nachgewiesen werden kann. Es darf nicht bestraft werden, was vielleicht zu etwas genutzt werden könnte, was schadet.

Folgerungen

Legt man diese drei Thesen zugrunde, ergeben sich klare Konsequenzen:

– Fiktive Erzählungen, Zeichnungen, 3D-Animationen oder von mir aus auch Kupferstiche nackter Kindern und anderer hässlicher Dinge müssen legal sein, sofern nicht ein reales Geschehen unmittelbar als Vorlage oder Modell diente.

– Der bloße Besitz solcher Medien muss straffrei werden.

– Ein entsprechender Paragraph könnte so aussehen:

(1) Wer Abbildungen herstellt von einer anderen Person erstellt, die im Moment der Aufnahme tatsächlich Opfer einer Straftat wird oder sich anderen gegenüber unfreiwillig in einer Lage befindet, in der sie hilflos, entehrt, geschlechtsbetont oder gedemütigt erscheint, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer Abbildungen nach Absatz 1 ohne die Genehmigung der abgebildeten Person
1. verbreitet,
2. öffentlich ausstellt, anschlägt, vorführt oder sonst zugänglich macht,
3. reproduziert, liefert, anbietet oder bewirbt,
4. nutzt, um sich sexuelle Befriedigung zu verschaffen oder ein Gefühl oder Überlegenheit gegenüber den abgebildeten Personen zu erzeugen, oder sich zu diesem Zweck aktiv beschafft.
(3) Eine gemäß Absatz 2 erteilte Einverständnis gilt als nichtig, wenn die die Einverständnis erteilende Person zum Zeitpunkt der Einverständniserklärung das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, die Einverständniserklärung aufgrund mittelbaren oder unmittelbaren Zwangs zustande kam oder die betroffene Person im Falle einer Einverständnisverweigerung negative Folgen für sich fürchten musste. Eine Einverständniserklärung hinsichtlich Abbildungen verstorbener Personen kann von Hinterbliebenen erteilt werden.
(4) In den Fällen des Absatzes 1 oder des Absatzes 2 ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren zu erkennen, wenn der Täter gewerbsmäßig oder als Mitglied einer Bande handelt, die sich zur fortgesetzten Begehung solcher Taten verbunden hat.

(5) Nach Absatz 2 wird nicht bestraft, wer in der irrigen Annahme handelt, es handle sich um Abbildungen, die nicht-reales Geschehen darstellen, sofern er diesen Irrtum nicht vermeiden konnte.

Dinge, die den Staat nichts angehen. Teil 1: die Ehe

Fragte man einen beliebigen Menschen, warum denn in einer beliebigen Straße eine Laterne stehe, erhielte man mit ziemlicher Sicherheit etwa zur Antwort: „Damit die Straße nachts beleuchtet werden kann.“ Klingt plausibel, ist eine schöne Alltagserklärung, hat aber Defizite. In meinen Augen steht an einer gewissen Stelle eine Straßenlaterne, weil irgendjemand einmal beschlossen hat, an dieser Stelle eine Straßenlaterne zu errichten. Und selbst wenn dieser Jemand damals gute Gründe hatte – heute mögen sie obsolet sein. Vielleicht befindet sich die Straße ja jetzt in einer Geisterstadt oder die Erde hat aufgehört, sich um die Sonne zu drehen, und an der nämlichen Stelle strahlt 24/7 schönstes Tageslicht. Trotzdem bliebe die Laterne wohl so lange, bis jemand die Frage entscheidende Frage aufwürfe: „Ist denn die damals getroffene Entscheidung noch sinnvoll?“

Die Frage stellen wir alle viel zu selten. Ich selbst will jetzt in einer losen Serie damit anfangen. Mein Augenmerk gilt dabei staatlichem Handeln. Ich suche (und finde) Dinge, die der Staat dereinst unter seine allzu weise, gnädige und milde Obhut gestellt hat, die die Gesellschaft aber genauso gut (und noch besser) ohne ihn regeln könnte.

Ich beginne – wenig überraschend – mit der „Ehe“. Wenig überraschend, weil ich schon anderswo dargelegt habe, dass ich dieses Institut für nicht besonders schützenswert halte. Nun gehe ich einen Schritt weiter und begründe, warum die gesetzliche Ehe auf den Müllhaufen der Geschichte gehört.

Es dürfte gesellschaftlicher Konsens sein, dass die Frage, wer mit wem ins Bett geht, nur noch dann ein Fall für Gesetz und Gericht ist, wenn mindestens eine der beteiligten Personen, kein Einverständnis gegeben hat oder geben konnte. Die Zeit, in der die Ehe also in erster Linie ein Sexualkontrollinstrument war, sind glücklicherweise vorbei.

Was von der gesetzlichen Ehe bleibt, ist eine Art „staatliche Paketlösung“. Die Brautleute gehen ins Standesamt und sehen sich mit einem Bündel an Änderungen ihres Lebens konfrontiert: Fortan haben sie ein gemeinsames Sorgerecht für ihre Kinder, beerben sich gegenseitig, haben gewisse Vertretungsrechte füreinander. Und Steuervorteile.

Die Steuerprivilegien, das sogenannte Ehegattensplitting, sind Quatsch. Sie sind ungerecht, unsinnig und begünstigen Reiche.

Was den Rest betrifft, so ist meine Meinung, dass der Staat seine Bürger bevormundet, wenn er sie zu einer Paketlösung zwingt. Warum darf ich nicht mit Person A Kinder erziehen, Person B mein Vermögen vererben* und bestimmen, dass Person C über eine Notoperation entscheidet, wenn ich ins Koma falle?

Und auch diejenigen, die das gesamte Paket wollen und alles mit derselben Person teilen, brauchen dazu kein Standesamt, keine Trauzeugen, kein „Aufgebot“ und schon gar keine behördliche Zeremonie.

Nein, dazu reichen einfache Willenserklärungen und sinnvolle Einzelregelungen (gerade im sensiblen Bereich des Kindersorgerechts) anstatt eines archaischen „Gesamtpakets“.

Und für Romantik ist der Staat am allerwenigsten zuständig.

* Ja, natürlich ist das heute schon möglich. Aber Ehegatten genießen hier Freibeträge, die Nicht-Verwandte nicht genießen.

Das leidige Thema Latein

In meinem Artikel über „Wissenschaft und Geschichte“ schrieb ich zu Beginn, Latein sei ein „leidiges Thema“. In der Tat habe ich darüber schon so viele Diskussionen gelesen und geführt, dass es mir zum Hals heraushängt. Ich selbst hatte Latein in der Schule und bin froh darum, weil ich meine Lateinkenntnisse täglich brauche. Damit bin ich eine der wenigen Ausnahmen und es ist sicherlich keine hinreichende Begründung für ein Schulfach, dass es Historiker_innen nützlich ist.

So stellte ich mir die Frage: Warum ist das Thema eigentlich so leidig? Warum wird immer wieder diskutiert und weshalb werden immer wieder dieselben Argumente aufgewärmt?

Und da erst fiel mir auf, was ich in all den Debatten bislang übersehen hatte: die Diskussion um Latein als Schulfach ist ein Stellvertreterkrieg.

Im Kern geht es darum, was Abiturient_innen heute können sollen – und was nicht.

Eine Möglichkeit wäre, Schulabgänger „ins Leben zu entlassen“ (als sie zuvor noch nicht gelebt hätten…), die überall auf der Welt zu Hause sind, drei moderne Fremdsprachen sprechen, ihre Steuererklärung selbst ausfüllen können, kritisch im Medienumgang sind, sich gewandt und technisch versiert im Internet bewegen, informierte und bewusste Konsumenten sind, kurz: alles beherrschen, womit man den Alltag im frühen 21.  Jahrhundert überlebt und vielleicht sogar meistert.

Entscheiden wir uns dafür, wären Lateinkenntnisse tatsächlich so überflüssig wie ein Kniedurchschuss.

Das hat allerdings alles nichts mit Bildung zu tun. Bildung ist auch nicht das, womit man bei Abendgesprächen und Stehempfängen protzen kann.

Bildung ist die Kenntnis eines (diffusen) Kanons von Ideen, gedanklichen Konzepten, geistesgeschichtlichen Entwicklungen, an dem sich ein Mensch sein Leben lang abarbeiten muss. Bildung ist ein inneres Ringen mit dem, was vorher da war. Bildung versetzt das Individuum in die Lage und gibt ihm die Pflicht, alles, was es tut, denkt und plant, mit dem in Relation zu setzen, was bereits gedacht und getan wurde. Bildung macht in gewisser Weise unfrei. Aber vielleicht, vielleicht lässt sie auch den Charakter wachsen.

Wenn man Bildung erlangen will, spielen Texte (noch immer) die wesentliche Rolle. Und an diesem Punkt kommen Lateinkenntnisse ins Spiel. Ein großer Teil (wenn nicht gar der größte Teil) des europäischen Schrifterbes liegt in lateinischer Sprache vor, die große Masse davon unübersetzt. Es dürfte einleuchten, dass ich mit einem Schriftstück nichts anfangen kann, wenn ich die Sprache, in dem es verfasst wurde, nicht verstehe. (Elektronisches Übersetzen ersetzt menschliches noch längst nicht, schon gar nicht im Lateinischen.) Hier ist also der Punkt, wo Lateikenntnisse ihre Bedeutung und Berechtigung haben. Und hier zieht auch das Argument von der toten Sprache nicht mehr. Ob ein Text vor zwei Jahren in einer lebendigen Sprache oder vor 200 Jahren in einer toten verfasst wurde, spielt keine Rolle, wenn ich die Worte lesen und verstehen will.

Die Frage muss also sein: Bildung – oder Strategien zur Alltags- und Lebensbewältigung?

Ob sich jede und jeder Bildung selbst aneignen soll (Und zwar, eben weil der Bildungskanon diffus ist, genau die Bildung, die er oder sie für die richtige hält) oder ob Bildung auch heute noch aufs Gymnasium gehört und lebenspraktische Fähigkeiten demgegenüber sekundär sind – ich weiß es nicht.

Es wird über unser „Bildungssystem“ viel diskutiert, aber die Frage „Bildung (in dem Sinne, wie ich sie verstehe): Ja der nein?“ stellt niemand. Wird sie aber gestellt, diskutiert und entschieden, ist auch die Frage, ob Latein ein Schulfach sein sollte, beantwortet. In die eine oder in die andere Richtung.

Geschichte und Wissenschaft

Am 29. Juli hatte ich mit dem von mir sehr geschätzten Anatol Stefanowitsch einen winzigen Twitter-Dialog. Es ging um das, zugegeben, leidige Thema „Latein“.

Twitter-Screenshot, Gespräch vom 29.07.2012

Auch wenn mir Anatol Stefanowitsch in vielen Dingen (Urheberrecht, Umgang mit Plagiaten und „Sprachnörglern“) aus der Seele spricht, hier muss ich einhaken. Und gleichzeitig ein Bekenntnis abgeben: Ich bin Historiker und glaube, dass Vertreter_innen unserer Zunft sehr wohl Wissenschaftler_innen sein können. (Auch wenn ich nicht jedem, der „Historiker“ auf seiner Türklingel stehen hat, das Prädikat „Wissenschaftler“ zugestehen möchte.)

Was heißt eigentlich „Wissenschaft“? Erschöpft es sich darin, dass wir hinter jede Aussagen eine Fußnote setzen und einen Quellen-/Literaturbeleg dort platzieren? Sicherlich nicht. Derselbe Stefanowitsch (mit dessen obiter dictum dieser Text ja gewissermaßen eine Auseinandersetzung ist) definiert in seinem (übrigens sehr lesenswerten) Sprachlog den Gegenstand auf folgende Weise (nach Popper): Wissenschaft sei ein Prozess, der daraus bestehe,

„dass man Ausschnitte der Wirklichkeit so definiert, dass sie objektiv und nachvollziehbar messbar werden (das nennt man „Operationalisierung“), dass man dann darüber spekuliert, wie die Messgrößen zusammenhängen (dass man also Hypothesen aufstellt), und dann mit geeigneten Methoden in durch systematische Beobachtungen und Experiments versucht, diese Hypothesen zu widerlegen. Solange sie nicht widerlegt werden (bzw. […] solange sich aus den Beobachtungen und Experimenten keine näherliegenden Hypothesen ergeben), gelten die Hypothesen als vorläufige Fakten, die in ein Modell der Wirklichkeit eingebaut werden können.“

Stefanowitschs entscheidender Punkt ist allerdings nicht das, sondern die Überprüfbarkeit durch Formalisierbarkeit. Er fordert, dass jeder Bestandteil des Wissenschaftsprozesses „in der ‚Sprache‘ der Mathematik ausdrückbar sein muss: Wäre er es nicht, wäre nicht feststellbar, ob er messbar und prinzipiell widerlegbar wäre.“ Mathematik definiert er so:

„Mit Mathematik bezeichne ich jedes unzweideutige, formell und algorithmisch auf seine interne Stimmigkeit hin untersuchbare Instrument zur Repräsentation von tatsächlichen oder theoretischen Größen, also Mathematik im eigentlichen Sinne ebenso wie Prädikatenlogik und andere auf die Mathematik zurückführbare Darstellungssysteme.“

Was Stefanowitsch nicht tut, ist eine Antwort auf die Frage geben: Wo kommen die Geschwister Wissenschaft und Mathematik her? Wer hat sie gezeugt, ausgetragen und geboren? Wer hält sie am Leben?

An dieser Stelle ist es Zeit für ein zweites Bekenntnis: Ich bin Konstruktivist. Das heißt für zunächst, ich frage bei der Wissenschaft wie bei allem anderen auch nach der Rolle des Menschen.

Von Humberto Maturana stammt der berühmte Satz „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt.“ Heinz von Foerster hängte einen klugen Folgesatz an: „Alles, was gesagt wird, wird zu einem Beobachter gesagt.“* Das sind mehr als nur Bonmots. Es sind entscheidende Sätze, weil sie einerseits deutlich machen, dass Erkenntnisse nie neutral und „unmenschlich“ sein können, sondern immer von Subjekt ausgehen und zu – wenn überhaupt – von einem Subjekt rezipiert werden. Vor der Operationalisierung, Messung und Verbalisierung steht das Erkenntnissubjekt. Andererseits heißt das: Wissenschaft ist Kommunikation. Erkenntnisse wachsen (in der Theorie), wenn  Erkenntnissubjekte ihre Erkenntnisse weitergeben.

Wenn das aber so ist, dann heißt das: Ein Instrument wie die Mathematik existiert nicht schon immer, gottgegeben und unumstößlich. Es existiert nur, weil und solange es Menschen gibt, die darüber reden. Um darüber reden zu können, brauchen die Menschen kommunikative Zeichen (d.h. Wörter oder Symbole), mit denen sie die zu repräsentierende Größen und alle anderen Operatoren bezeichnen. Selbst wenn man davon ausginge, dass sich die zu repräsentierenden Größen nicht änderten, die Zeichen ändern sich in jedem Fall. Nicht äußerlich, aber „innerlich“.

Mathematik beruht, so wie ich sie sehe, auf der Annahme 1 = 1. Eins kann aber nie gleich eins sein.

Auch das hat mit dem Menschen zu tun. Der Mensch kann nicht gleichzeitig, zwei Sachen denken, reden oder schreiben. Es vergeht immer eine gewisse Zeitspanne. Ich beginne, „eins“ zu sagen, zu denken oder zu schreiben, und die Welt ist, wie sie ist. Ich sage „ist gleich“ und wenn ich bei der zweiten Eins angelangt bin, ist die Welt eine andere und ich bin ein anderer. Und damit ist auch die Eins eine andere.

Nein, nicht buchstäblich, aber potenziell. Potenziell kann sich alles in kürzester Zeit ändern.

Was folgt daraus? Was soll man also zur Grundlage für den Prozess des Gedankenaustauschs zwischen Erkenntnissubjekten machen? Ein System und Instrument, das auf der Annahme einer Gleichheit beruht, die nur zufällig existiert, solange sich nichts wandelt? Oder nicht viel eher die Wandelbarkeit selbst?

Und nun sind wir bei der Geschichtswissenschaft. Was machen wir Historiker_innen? Im Prinzip sind wir von dem, was Stefanwotisch fordert, nicht weit entfernt: Wir stellen Hypothese auf, suchen Material und versuchen es, „messbar“ zu machen, interpretieren es, ziehen Folgerungen, versuchen, Ergebnisse zu überprüfen. Was wir dabei aber immer mitdenken, ist die potenzielle Wandelbarkeit aller Dinge. Nichts fürchtet der Historiker so sehr wie den Anachronismus. Und gerade weil die Geschichtswissenschaft als Geisteswissenschaft so wenig Exaktes liefern kann und so Vieles von den wechselnden Winden der Subjektivität getrieben wird, sind wir auch für die Wandelbarkeit in uns selbst sensibilisiert. Wir wissen, dass unsere Interpretationsmuster von Moden und Trends geprägt sind. Dass wir Vieles gerade deuten, wie wir es deuten, weil es hip ist.

Das einzige, was dagegen zu tun bleibt, ist den Ablauf des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses gegenüber anderen Erkenntnissubjekten so transparent wie irgend möglich zu machen. Und das kann durchaus formalisiert geschehen. Man muss Hypothese, Material, dessen „Messung“ und Interpretation, und die Folgerung daraus nicht unbedingt in Textform präsentieren, man kann sie durchaus schematisch aufbereiten und damit aufzeigen, was exakt woraus gedeutet wird.

Weil sich aber die zugrundeliegenden kommunikativen Zeichen stets ändern können oder tatsächlich ändern, ist es irreführend durch einen mathematisch-logischen Überbau zu suggerieren, es mit immergültigen und feststehenden Schlüssen zu tun zu haben. Stattdessen – und diese Einsicht ist gewiss banal – hat jede akademische Disziplin die Obliegenheit, all ihre Termini stets aufs Neue zu definieren und immer unmissverständlich klar zu machen, was gerade im Moment und nur in diesem Moment mit einem kommunikativen Zeichen gemeint ist. Ich meine damit nicht das manische Umdefinieren um des Umdefinierens willen Heidegger’scher Art, sondern schlichtweg kurze, womöglich triviale Definitionen dessen, was gemeint ist. Damit und nur damit können wissenschaftliche Erkenntnisse intersubjektiv transparent und nachvollziehbar vermittelt werden. Die Mathematik dagegen trägt dazu gar nichts bei. (Aspekt noch rein? Mathematik zwar als Alltagswerkzeug gut, aber nicht für Endziel der Wissenschaft?)

Wissenschaft als Prozess insgesamt braucht mithin nicht unbedingt Historiker_innen, aber sie braucht historisches Denken. Sie muss der potenziellen Wandelbarkeit aller Dinge Rechnung tragen.

* Bernhard Pörksen, Die Gewissheit des Ungewissen. Gespräche zum Konstruktivismus (Heidelberg, zweite Auflage 2008) S. 21, bzw. 32.

Warum ich Karl-Theodor zu Guttenberg nicht glaube

Geht es um politische Shooting-Stars, ebenso wenn sich das Gespräch um Plagiate und Wissenschaftsehrlichkeit dreht, kommt die Diskussion an einem Namen und seiner Schuld selten vorbei: Karl-Theodor zu Guttenberg und seine in großen Teilen abgeschriebene Dissertation.

Weil das nach wie vor so ist, werde ich hier kurz darlegen, warum ich ihm nicht glaube, dass er „aus Versehen“, ohne Absicht und bösen Willen abgeschrieben habe.

Zu Guttenberg sagt: „Wenn ich etwas verschleiern wollte, würde ich es so verfremden, dass es niemand merkt. Das dürfen Sie mir durchaus zutrauen.“

Es geht hier allerdings nicht um Fähigkeiten, um Intelligenz und Können. Ehrlich gesagt würde ich dem Mann durchaus zutrauen, eine nicht-plagiierte Doktorarbeit zu verfassen. Nein, es geht anderes. Abgeschriebenes so zu verfremden, dass niemand mehr das Original zu erkennen vermag, braucht viel Zeit und Fleiß. Und beides wollte der Herr Baron offensichtlich nicht aufbringen. Er wollte sich die Zeit nicht nehmen, hatte nicht die Energie, setzte andere Prioritäten oder war einfach nur faul. Deshalb hat er den bequemen Weg gewählt und abgeschrieben.
Seine Verteidigungsstratgie lautet weiterhin: Er habe die Übersicht verloren. So viele Disketten, so viele Dateien – da habe er irgendwann nicht mehr wissen können, was Eigenes und was Fremdes war.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten.

Entweder zu Guttenberg hat bei seiner Materialsammlung keine Literaturangaben gesetzt. Man muss nämlich, wenn man wissenschaftlich exzerpiert, immer dazuschreiben, wo das Notierte herkommt: aus welchem Buch, von welcher Seite. Sonst hat man kaum mehr eine Chance, irgendwann die Stelle wiederzufinden und/oder korrekt zu zitieren. Es kann manchmal passieren, dass man das vergisst. Wenn der Ex-Verteidigungsminister allerdings systematisch darauf verzichtet hat*, Referenzangaben zu notieren, dann hatte er damals von wissenschaftlichem Arbeiten so wenig Ahnung, dass er nicht einmal eine Studienabschluss, geschweige denn einen Doktortitel verdient gehabt hätte. Noch nicht einmal einen Proseminarsschein. Falls das der Fall war, müsste sich auch seine Uni fragen wie es denn sein kann, dass jemand, der von den Basics nichts weiß, ein Staatsexamen schafft.

Oder er hat diese Angaben tatsächlich gesetzt. Und dabei kommt es überhaupt nicht darauf an, wie viele Dateien und Disketten man nutzt. Unmittelbar beim jeweiligen Exzerpt muss alles stehen. Oder man muss sich eine eigene Literaturliste anlegen und direkt bei der jeweiligen Stelle darauf verweisen. (Heutzutage gibt es für die Wissens- und Zitatverwaltung auch spezialisierte Programme.) Wenn Guttenberg nun tatsächlich brav notierte, was woher stammte, dann muss er diese Angaben irgendwann gelöscht haben, bzw. beim Umkopieren von der Materialsammlung ins eigentliche Dokument weggelassen haben. Und das geschieht bei hunderten Stellen nicht unterbewusst. Das geschieht absichtlich, wenn man plagiiert. Wenn man willentlich betrügt.

* Man könnte auch annehmen, dass er von Anfang ganz absichtlich keine Literaturangaben notiert hat, weil er schon immer wusste, dass er betrügen will. Aber das halte ich für unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist es doch wohl, dass er motiviert startete, irgendwann die Lust verlor und aus dem gesammelten Material einen Text zusammenschusterte.