Geschichte und Wissenschaft

Am 29. Juli hatte ich mit dem von mir sehr geschätzten Anatol Stefanowitsch einen winzigen Twitter-Dialog. Es ging um das, zugegeben, leidige Thema „Latein“.

Twitter-Screenshot, Gespräch vom 29.07.2012

Auch wenn mir Anatol Stefanowitsch in vielen Dingen (Urheberrecht, Umgang mit Plagiaten und „Sprachnörglern“) aus der Seele spricht, hier muss ich einhaken. Und gleichzeitig ein Bekenntnis abgeben: Ich bin Historiker und glaube, dass Vertreter_innen unserer Zunft sehr wohl Wissenschaftler_innen sein können. (Auch wenn ich nicht jedem, der „Historiker“ auf seiner Türklingel stehen hat, das Prädikat „Wissenschaftler“ zugestehen möchte.)

Was heißt eigentlich „Wissenschaft“? Erschöpft es sich darin, dass wir hinter jede Aussagen eine Fußnote setzen und einen Quellen-/Literaturbeleg dort platzieren? Sicherlich nicht. Derselbe Stefanowitsch (mit dessen obiter dictum dieser Text ja gewissermaßen eine Auseinandersetzung ist) definiert in seinem (übrigens sehr lesenswerten) Sprachlog den Gegenstand auf folgende Weise (nach Popper): Wissenschaft sei ein Prozess, der daraus bestehe,

„dass man Ausschnitte der Wirklichkeit so definiert, dass sie objektiv und nachvollziehbar messbar werden (das nennt man „Operationalisierung“), dass man dann darüber spekuliert, wie die Messgrößen zusammenhängen (dass man also Hypothesen aufstellt), und dann mit geeigneten Methoden in durch systematische Beobachtungen und Experiments versucht, diese Hypothesen zu widerlegen. Solange sie nicht widerlegt werden (bzw. […] solange sich aus den Beobachtungen und Experimenten keine näherliegenden Hypothesen ergeben), gelten die Hypothesen als vorläufige Fakten, die in ein Modell der Wirklichkeit eingebaut werden können.“

Stefanowitschs entscheidender Punkt ist allerdings nicht das, sondern die Überprüfbarkeit durch Formalisierbarkeit. Er fordert, dass jeder Bestandteil des Wissenschaftsprozesses „in der ‚Sprache‘ der Mathematik ausdrückbar sein muss: Wäre er es nicht, wäre nicht feststellbar, ob er messbar und prinzipiell widerlegbar wäre.“ Mathematik definiert er so:

„Mit Mathematik bezeichne ich jedes unzweideutige, formell und algorithmisch auf seine interne Stimmigkeit hin untersuchbare Instrument zur Repräsentation von tatsächlichen oder theoretischen Größen, also Mathematik im eigentlichen Sinne ebenso wie Prädikatenlogik und andere auf die Mathematik zurückführbare Darstellungssysteme.“

Was Stefanowitsch nicht tut, ist eine Antwort auf die Frage geben: Wo kommen die Geschwister Wissenschaft und Mathematik her? Wer hat sie gezeugt, ausgetragen und geboren? Wer hält sie am Leben?

An dieser Stelle ist es Zeit für ein zweites Bekenntnis: Ich bin Konstruktivist. Das heißt für zunächst, ich frage bei der Wissenschaft wie bei allem anderen auch nach der Rolle des Menschen.

Von Humberto Maturana stammt der berühmte Satz „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt.“ Heinz von Foerster hängte einen klugen Folgesatz an: „Alles, was gesagt wird, wird zu einem Beobachter gesagt.“* Das sind mehr als nur Bonmots. Es sind entscheidende Sätze, weil sie einerseits deutlich machen, dass Erkenntnisse nie neutral und „unmenschlich“ sein können, sondern immer von Subjekt ausgehen und zu – wenn überhaupt – von einem Subjekt rezipiert werden. Vor der Operationalisierung, Messung und Verbalisierung steht das Erkenntnissubjekt. Andererseits heißt das: Wissenschaft ist Kommunikation. Erkenntnisse wachsen (in der Theorie), wenn  Erkenntnissubjekte ihre Erkenntnisse weitergeben.

Wenn das aber so ist, dann heißt das: Ein Instrument wie die Mathematik existiert nicht schon immer, gottgegeben und unumstößlich. Es existiert nur, weil und solange es Menschen gibt, die darüber reden. Um darüber reden zu können, brauchen die Menschen kommunikative Zeichen (d.h. Wörter oder Symbole), mit denen sie die zu repräsentierende Größen und alle anderen Operatoren bezeichnen. Selbst wenn man davon ausginge, dass sich die zu repräsentierenden Größen nicht änderten, die Zeichen ändern sich in jedem Fall. Nicht äußerlich, aber „innerlich“.

Mathematik beruht, so wie ich sie sehe, auf der Annahme 1 = 1. Eins kann aber nie gleich eins sein.

Auch das hat mit dem Menschen zu tun. Der Mensch kann nicht gleichzeitig, zwei Sachen denken, reden oder schreiben. Es vergeht immer eine gewisse Zeitspanne. Ich beginne, „eins“ zu sagen, zu denken oder zu schreiben, und die Welt ist, wie sie ist. Ich sage „ist gleich“ und wenn ich bei der zweiten Eins angelangt bin, ist die Welt eine andere und ich bin ein anderer. Und damit ist auch die Eins eine andere.

Nein, nicht buchstäblich, aber potenziell. Potenziell kann sich alles in kürzester Zeit ändern.

Was folgt daraus? Was soll man also zur Grundlage für den Prozess des Gedankenaustauschs zwischen Erkenntnissubjekten machen? Ein System und Instrument, das auf der Annahme einer Gleichheit beruht, die nur zufällig existiert, solange sich nichts wandelt? Oder nicht viel eher die Wandelbarkeit selbst?

Und nun sind wir bei der Geschichtswissenschaft. Was machen wir Historiker_innen? Im Prinzip sind wir von dem, was Stefanwotisch fordert, nicht weit entfernt: Wir stellen Hypothese auf, suchen Material und versuchen es, „messbar“ zu machen, interpretieren es, ziehen Folgerungen, versuchen, Ergebnisse zu überprüfen. Was wir dabei aber immer mitdenken, ist die potenzielle Wandelbarkeit aller Dinge. Nichts fürchtet der Historiker so sehr wie den Anachronismus. Und gerade weil die Geschichtswissenschaft als Geisteswissenschaft so wenig Exaktes liefern kann und so Vieles von den wechselnden Winden der Subjektivität getrieben wird, sind wir auch für die Wandelbarkeit in uns selbst sensibilisiert. Wir wissen, dass unsere Interpretationsmuster von Moden und Trends geprägt sind. Dass wir Vieles gerade deuten, wie wir es deuten, weil es hip ist.

Das einzige, was dagegen zu tun bleibt, ist den Ablauf des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses gegenüber anderen Erkenntnissubjekten so transparent wie irgend möglich zu machen. Und das kann durchaus formalisiert geschehen. Man muss Hypothese, Material, dessen „Messung“ und Interpretation, und die Folgerung daraus nicht unbedingt in Textform präsentieren, man kann sie durchaus schematisch aufbereiten und damit aufzeigen, was exakt woraus gedeutet wird.

Weil sich aber die zugrundeliegenden kommunikativen Zeichen stets ändern können oder tatsächlich ändern, ist es irreführend durch einen mathematisch-logischen Überbau zu suggerieren, es mit immergültigen und feststehenden Schlüssen zu tun zu haben. Stattdessen – und diese Einsicht ist gewiss banal – hat jede akademische Disziplin die Obliegenheit, all ihre Termini stets aufs Neue zu definieren und immer unmissverständlich klar zu machen, was gerade im Moment und nur in diesem Moment mit einem kommunikativen Zeichen gemeint ist. Ich meine damit nicht das manische Umdefinieren um des Umdefinierens willen Heidegger’scher Art, sondern schlichtweg kurze, womöglich triviale Definitionen dessen, was gemeint ist. Damit und nur damit können wissenschaftliche Erkenntnisse intersubjektiv transparent und nachvollziehbar vermittelt werden. Die Mathematik dagegen trägt dazu gar nichts bei. (Aspekt noch rein? Mathematik zwar als Alltagswerkzeug gut, aber nicht für Endziel der Wissenschaft?)

Wissenschaft als Prozess insgesamt braucht mithin nicht unbedingt Historiker_innen, aber sie braucht historisches Denken. Sie muss der potenziellen Wandelbarkeit aller Dinge Rechnung tragen.

* Bernhard Pörksen, Die Gewissheit des Ungewissen. Gespräche zum Konstruktivismus (Heidelberg, zweite Auflage 2008) S. 21, bzw. 32.

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