Das leidige Thema Latein

In meinem Artikel über „Wissenschaft und Geschichte“ schrieb ich zu Beginn, Latein sei ein „leidiges Thema“. In der Tat habe ich darüber schon so viele Diskussionen gelesen und geführt, dass es mir zum Hals heraushängt. Ich selbst hatte Latein in der Schule und bin froh darum, weil ich meine Lateinkenntnisse täglich brauche. Damit bin ich eine der wenigen Ausnahmen und es ist sicherlich keine hinreichende Begründung für ein Schulfach, dass es Historiker_innen nützlich ist.

So stellte ich mir die Frage: Warum ist das Thema eigentlich so leidig? Warum wird immer wieder diskutiert und weshalb werden immer wieder dieselben Argumente aufgewärmt?

Und da erst fiel mir auf, was ich in all den Debatten bislang übersehen hatte: die Diskussion um Latein als Schulfach ist ein Stellvertreterkrieg.

Im Kern geht es darum, was Abiturient_innen heute können sollen – und was nicht.

Eine Möglichkeit wäre, Schulabgänger „ins Leben zu entlassen“ (als sie zuvor noch nicht gelebt hätten…), die überall auf der Welt zu Hause sind, drei moderne Fremdsprachen sprechen, ihre Steuererklärung selbst ausfüllen können, kritisch im Medienumgang sind, sich gewandt und technisch versiert im Internet bewegen, informierte und bewusste Konsumenten sind, kurz: alles beherrschen, womit man den Alltag im frühen 21.  Jahrhundert überlebt und vielleicht sogar meistert.

Entscheiden wir uns dafür, wären Lateinkenntnisse tatsächlich so überflüssig wie ein Kniedurchschuss.

Das hat allerdings alles nichts mit Bildung zu tun. Bildung ist auch nicht das, womit man bei Abendgesprächen und Stehempfängen protzen kann.

Bildung ist die Kenntnis eines (diffusen) Kanons von Ideen, gedanklichen Konzepten, geistesgeschichtlichen Entwicklungen, an dem sich ein Mensch sein Leben lang abarbeiten muss. Bildung ist ein inneres Ringen mit dem, was vorher da war. Bildung versetzt das Individuum in die Lage und gibt ihm die Pflicht, alles, was es tut, denkt und plant, mit dem in Relation zu setzen, was bereits gedacht und getan wurde. Bildung macht in gewisser Weise unfrei. Aber vielleicht, vielleicht lässt sie auch den Charakter wachsen.

Wenn man Bildung erlangen will, spielen Texte (noch immer) die wesentliche Rolle. Und an diesem Punkt kommen Lateinkenntnisse ins Spiel. Ein großer Teil (wenn nicht gar der größte Teil) des europäischen Schrifterbes liegt in lateinischer Sprache vor, die große Masse davon unübersetzt. Es dürfte einleuchten, dass ich mit einem Schriftstück nichts anfangen kann, wenn ich die Sprache, in dem es verfasst wurde, nicht verstehe. (Elektronisches Übersetzen ersetzt menschliches noch längst nicht, schon gar nicht im Lateinischen.) Hier ist also der Punkt, wo Lateikenntnisse ihre Bedeutung und Berechtigung haben. Und hier zieht auch das Argument von der toten Sprache nicht mehr. Ob ein Text vor zwei Jahren in einer lebendigen Sprache oder vor 200 Jahren in einer toten verfasst wurde, spielt keine Rolle, wenn ich die Worte lesen und verstehen will.

Die Frage muss also sein: Bildung – oder Strategien zur Alltags- und Lebensbewältigung?

Ob sich jede und jeder Bildung selbst aneignen soll (Und zwar, eben weil der Bildungskanon diffus ist, genau die Bildung, die er oder sie für die richtige hält) oder ob Bildung auch heute noch aufs Gymnasium gehört und lebenspraktische Fähigkeiten demgegenüber sekundär sind – ich weiß es nicht.

Es wird über unser „Bildungssystem“ viel diskutiert, aber die Frage „Bildung (in dem Sinne, wie ich sie verstehe): Ja der nein?“ stellt niemand. Wird sie aber gestellt, diskutiert und entschieden, ist auch die Frage, ob Latein ein Schulfach sein sollte, beantwortet. In die eine oder in die andere Richtung.

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