Virtualisierung statt Quoten

Die Quotendebatte ist wieder etwas abgeflaut. Zuletzt hatte vor allem die Piraten mit ihrem niedrigen Frauenanteil gehadert und Quoten diskutiert. Ein Diskussionsteilnehmer verstieg sich sogar zur Behauptung, Quoten seien der einzige Weg zu den Wohnstätten der Seligen.

Ich kenne viele Argumente gegen Quoten, aber ich verspüre keine Lust, sie alle zu referieren. Unter anderem, weil ich die Debatte etwas Leid bin und – wie so oft – nicht mit offenen Karten gespielt wird.

Vor allem aber, weil selten gesagt wird, worum es eigentlich geht, wo wir eigentlich hin wollen. „Geschlechtergerechtigkeit“ heißt es dann oft. Ja, gut, die mag man per Quote rein zahlenmäßig erreichen. Wenn mittels Quoten in 20 Jahren in sämtlichen Führungspositionen rund 50% Frauen und ca. 50% Männer sitzen, ist auf dem Papier Geschlechtergerechtigkeit erreicht. Ansonsten aber ist ziemlich wenig erreicht.

Wenn die Frauen so in die Vorstände kommen wie heute die meisten Männer, nämlich durch Ellenbogen und Seilschaften, und dann, wenn sie ihren Platz an der Spitze gesichert haben, genau das tun, was heute die Männer tun, nämlich Ihresgleichen protegieren und den Aufstieg aller anderen hintertreiben, ist gar nichts gewonnen.

Nein, Geschlechtergerechtigkeit ist kein Selbstzweck und darf kein Selbstzweck sein. Es geht um etwas Anderes, um etwas eigentlich ziemlich Simples: Es gilt, dafür zu sorgen, dass die richtigen Leute auf die richtigen Posten kommen.

Wenn dem so wäre, wäre das gut für das Funktionieren von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft und gut für die Glückseligkeit jedes und jeder Einzelnen, weil sie oder er sicher sein könnte, auf jeden Posten zu kommen, für den er oder sie geeignet ist. Das Stichwort lautet viel eher „Chancengerechtigkeit“.

Wenn damit also geklärt, wo wir hinwollen, müssen wir uns fragen: Wie gelangen wir da hin?

Ich meine – und jetzt werde ich küchenpsychologisch –, dass es dem Menschen äußerst schwer fällt, ein Gegenüber lediglich nach Kompetenz einzuschätzen. Das mag evolutionäre Gründe haben – Kompetenz abwägen dauert lange, äußere Merkmale (Hauptfarbe, Geschlecht und dergleichen) erfassen und Sympathie feststellen, geht schnell. Bei der Freund/Feind-Kennung geht Geschwindigkeit nun mal vor Gründlichkeit.

Wie gehen wir damit um?

Tja, wie wärs denn einfach, die Bedingungen zu ändern? Wenn ich von meinem Gegenüber weder Geschlecht noch Hauptfarbe noch Behinderungen noch sexuelle Orientierung noch Alter noch „Migrationshintergrund“ erkennen kann, kann ich auch nicht danach (vor)urteilen.

Nein, ich will nicht allen Menschen die Augen ausstechen und ich will auch nicht, dass wir alle in Ganzkörpertarnanzügen durch die Gegend laufen (wobei….).

Ich bin für Virtualisierung von Politik und Arbeit.

In Internetforen funktioniert das im Grunde prima: Man sieht vom Gegenüber Pseudonym, Avatar, Signatur und alle bislang geschriebenen Beiträge. Das heißt, ich sehe ein selbstgewähltes Identitätskonstrukt und Meriten. Ich kann den anderen nach dem einschätzen, wie er oder sie sich darstellt und was sie oder er geleistet hat. Diese Informationen reichen für eine Karriere: Nicht nur für das Erlangen von Sozialprestige und Ansehen innerhalb der jeweiligen Community, sondern auch für Handfestes: Vom User zum Moderator zum Admin.

Es klingt vielleicht komisch, aber warum können z.B. „outgesourcte“ Aufträge an Freelancer nicht genauso vergeben werden? An Auftragnehmer_innen ohne Gesicht und Namen, aber mit Referenzen und dokumentierten Kompetenzen.

Politische Willensbildung könnte genauso funktionieren: Pseudonyme und selbstgewählte Identitäten, Argumente und Stimmen. Echte Gesichter, Namen und Lebensläufe braucht es dazu nicht.

Politik und Wirtschaft lassen sich ohne Ansehen der Person organisieren.

Und damit ein Stück weit mehr Gerechtigkeit, das weder mit Quoten noch mit einer „InWoche“ erlangt werden kann.