Ein paar unsortierte Gedanken zum Thema „geschlechtergerechte Sprache“

Schlägt man im „Georges“, dem „ausführlichen lateinisch-deutschen Handwörterbuch“, das schöne Wort grabātus (ī m.) nach, erhält man zur Auskunft: „ein niedriges Ruhebett für Kranke u. Studierende“. Vielleicht frage nicht nur ich mich: Studierende? Warum sollten denn Studenten eine eigene Bettform haben? Speziell eingerichtete Studentenbunden im alten Rom? Nach einigen Sekunden Überlegung wurde zumindest mir klar, dass der gute Mann (Ja, der „Georges“ stammt noch aus der Zeit, als Lexika von einzelnen großen Gelehrten verfasst wurden.) mit „Studierende“ keineswegs „Leute, die an einer Hochschule eingeschrieben sind“ meint, sondern „Leute, die im Moment etwas lesen, d.h. studieren“. Da hatte ich eine Erkenntnis gewonnen: Geschlechtergerechte Sprache ist nicht umsonst zu haben. Das Streben nach Geschlechtsneutralität ändert Verwendungsweisen altbekannter Wörter und bringt gleichzeitig neue sprachliche Zeichen hervor. Wenn der Preis nur der ist, dass zumindest ich beim Nachschlagen in 100 Jahre alten Standardlexika etwas länger für das Verständnis brauche, ist das ein gutes Geschäft. Denn im Gegensatz zu einigen Diskussionpartner_innen der letzten Zeit habe ich die Problematik eines Sprachgebrauchs, der Frauen und Intersexuelle ausschließt, erkannt. Aber Problem erkannt heißt hier noch lange nicht Problem gebannt. Nein, es gibt Probleme und die bestehen in mehr als nur der Bedeutungsverschiebung des Wortes „Studierende“.

Ich will im Folgenden ein paar Thesen, Gedanke und praktische Ansichten zum Thema loswerden. Zu erwarten ist nichts Revolutionäres, nur Klärendes.

Zunächst einmal: Man kann es in diesem Punkt (wie überhaupt) nicht allen Recht machen. Den einen ist ein „gegenderter“ Text Teufelszeug, linke Spinnerei, Ausdruck eines Frauenkampfes gegen Windmühlen, den anderen ist das „generische Maskulinum“ sprachegewordenes Patriarchat und Chauvinismus. Wie mans macht, macht mans falsch.

Wenn mans nun eh nicht allen Recht machen kann, kann man getrost auf sich selbst hören. Denn Sprache und Stil sind immer auch Geschmackssache und Geschmack ist individuell.

Geschmacklich gefällt mir die Gendergap besser als ihre Alternativen. Das Binnen-I mag ich nicht, Schrägstrich und Stern sind schon für anderes belegt. Aber so ein Unterstrich hat auch graphisch eine gewisse Anmut. Ich verwende ihn mittlerweile recht gerne, wenn auch nicht durchgehend. Aber überhaupt sind Personenbezeichnungen im Plural das kleinste Problem. Im Gegenteil: Auf Grund eigener Erfahrung sehe ich in der Sprachverarbeitung sogar einen Vorteil: Dank Gendergap erkenne ich viel schneller, wenn ein Wort eine Personengruppe im Plural bezeichnet. „Professoren“ sieht ähnlich aus wie „Professuren“, aber „Professor_innen“ lässt mich sofort und nur an Menschen denken.

Problematisch wirds im Singular.

„Der Verwaltungsrat ist beschlussfähig, wenn […] die Vorsitzende oder der Vorsitzende oder ihre Stellvertreterin oder ihr Stellvertreter oder seine Stellvertreterin oder sein Stellvertreter anwesend ist.“

So regelt das das Diakonisches Werk der Pommerschen Evangelischen Kirche. Nun. Da kann mir niemand erzählen, dass das einfacher, schneller und besser zu verstehen ist als „Der Vorsitzender oder sein Stellvertreter“. Ja, es ist gerechter. Aber unendlich umständlicher.

Eine elegantere Lösung in solchen Texten wäre das stetige Abwechseln. Etwa so: „Die Kandidatin hat den Antrag an den Dekan zu entrichten. Lehnt die Dekanin ab, ist dem Kandidaten Gelegenheit zur Stellungnahme einzuräumen.“ Ich glaube tatsächlich, dass fast alle Leser_innen erkennen würden, dass „Dekanin“ und „Dekan“ hier dieselbe (abstrakte) Person meinen und nicht verschiedene. Praktischer Nachteil der Methode: Solange es dafür keine Skripts gibt, ist es bei längeren Texten ein Heidenaufwand alles anzupassen, wenn ein Satz zwischendrin gestrichen oder eingefügt wird und so der Rhythmus durcheinander gerät.

Problematisch wird das auch, wenn aufgrund des Textcharaterks Personenbezeichnungen viel seltener sind. Wenn es irgendwo heißt „Der Soldat von heute ist im Einsatz großen Gefahren ausgesetzt.“ und nach zehn Sätze über Afghanistan folgt „Aber eine gute Psychotherapeutin kann helfen.“ – Das wäre etwas verwirrend. Zudem könnte es – wie in diesem fiktiven Beispiel – passieren, dass zufällig klischéehafte Geschlechterzuordnungen zum jeweiligen grammatischen Geschlecht, das „gerade an der Reihe ist“ passen. Soldat – männlich. Therapeutin – weiblich. Wenn so Geschlechtsstereotype wiederholt werden, ist ein Problem beseitigt und ein neues entstanden.

Das nächste Problem sind Ausdrücke, die teils Personen, teils Abstrakta bedeuten. Wie etwa „Investor“. Damit kann eine Person gemeint sein, aber auch ein Konzern, ein Joint-Venture, eine Holding, ein Fond – was weiß ich. Wenn ich allerdings die Form „Investor_innen“ lese, würde ich nur an „natürliche“ Personen, nicht an „juristische“ denken. Da wird ein Wort durch die „Genderung“ bedeutungsärmer. Was ist also damit zu tun? Ich weiß es nicht. (Ähnlich ergeht es mir z.B. beim Wort „Feinde“. Das sehe ich als geschlechtsneutral und auch als für Abstrakta  gültig an. Bei „Feind_innen“ denke ich eher an persönliche Konflikte und nicht an große Kriege. Grenzwertig sind männliche Abstrakta wie „Gesetzgeber“. Sollen wir zukünftig „das Gesetzgebende“ sagen?)

Hinsichtlich der Pronomen kann ich meine Meinung in drei Wörter zusammenfassen: Bitte nicht übertreiben!

In meinen Augen sind Formen wie „man“, „jemand“ und „niemand“ vollständig grammatisiert. Klar, sie hängen etymologisch mit „Mann“ zusammen, in meiner bescheidenen, subjektiven Meinung halte ich das nicht für problematisch. „niemand“ heißt „kein Mensch“ und nicht „kein Mann“. Sonst müsste es ja Sätze geben wie: „Das versteht niemand. Frauen verstehen das sehr wohl.“

Ich bekenne auch ehrlich, dass ich mich  schwer an Formen wie „jemenschem“ gewöhnen könnte. Nicht nur weil „jemensch“ für mich wie Synonym für „pro Person“ klingt.

Wie gesagt: Bitte nicht übertreiben.

Man könnte nämlich genauso gut auch umgekehrt fragen, ob es nicht eine sprachliche Diskriminierung ist, dass bei Beidnennung die Männer immer als zweites genannt werden: „Liebe Bürgerinnen und Bürger“.  Und ist es jemandem schon mal aufgefallen: Der weibliche Singular-Artikel „die“ stimmt mit dem geschlechtsneutralen Pluralartikel überein. Ist das nicht eine sprachliche Bevorzugung des Weiblichen? Und bei Verwendung der Gendergap findet sich viel häufiger die umgelautete, weibliche Form: „Köch_innen“ gibt es mehr als 900 mal bei Google, „Koch_innen“ nur einmal scherzhaft. Ist auch das etwa eine Bevorzugung der Frauen? Man könnte es behaupten, wenn man wollte. Aber ich glaube, es ist besser, manches einfach mal gut sein zu lassen. Sprache ist zu kompliziert. Es kann in ihr nicht jedes Fleckchen völlig gerecht gestaltet werden. Damit muss man (und frau) leben.

Schlussendlich noch mal zu Stil und Geschmack. Es gibt nun mal einen stilistischen Unterschied zwischen: „Jeder, der Steuern zahlt“ und „Jede_r, di:er Steuern zahlt“ Das ist in vielen Kontexten nicht weiter schlimm. Aber stellen wir uns doch für einen Moment mal vor ein großes Heer und halten eine Rede. Vielleicht sagen wir etwas in der Art: „Und jeder, der auf diesem Schlachtfeld steht, spürt in seinem Herzen den unbändigen Drang, mit all seiner Kraft gegen die Feinde der Freiheit…“ Und so weiter. Und so fort.

Und jetzt noch mal „gegendert“: „Und jede und jeder, die oder der auf diesem Schlachtfeld steht, spürt in ihrem oder in seinem Herzen den unbändigen Drang, mit all ihrer oder seiner Kraft gegen die Feinde der Freiheit…“

Das verlöre viel von Pathos und Sprachgewalt. („Umso besser“ kann man jetzt einwenden. Aber um den Sinn und Unsinn solcher Reden gehts mir gerade nicht.)

Dazu zwei Gedanken: Man muss Prioritäten setzen. Politik und gesellschaftliche Auseinandersetzung bestehen im Grunde genau daraus. Daher finde ich es legitim, zu sagen: „Stil und Eleganz geht vor geschlechtergerechter Sprache.“ Wenn die Mehrheit das anders sieht, wird das zu einer Minderheitenmeinung. Wenn die Mehrheit das genauso sieht, bleiben die „Geschlechtergerechten“ in der Minderheit. So funktioniert das nun mal.

Zum zweiten: Vielleicht findet sich auch in diesem Fall ein schönes Neutrum: „Jedes Menschenwesen, das auf diesem Schlachtfeld…“ Klingt doch auch hübsch, oder?

Zu guter Letzt will ich eine Frage stellen: Warum wird von mancher Seite eigentlich das „Böse-Patriarchalische“ in der Sprache mit aller Gewalt bekämpft, während „alles andere Böse“ in der Sprache fröhlich in Ruhe gelassen wird.

Dazu ein Beispiel. Neulich las ich „aus aller Damen und Herren Länder“. Zunächst war ich stutzig. Dann erkannte ich, dass das Sprachbild durch übereifriges Gendern ziemlich schief geworden war. Wer der „Herr eines Landes“ ist, ist klar. Aber wer oder was bitte ist die „Dame eines Landes“? Die First Lady? Das passende Äquivalent zum Herrn wäre hier „Herrscherin“ oder von mir aus auch „Herrin“ (auch wenn das natürlich andere Assoziationen weckt).

Aber: Warum stören sich offensichtlich Menschen daran, dass im der ursprünglichen Redewendung – „aus aller Herren Länder“ – nur Männer auftauchen, während sich ganz offensichtlich niemand daran stößt, dass das Bild nicht mehr passt, weil erfreulich viele Länder heute keine „Herren“ mehr haben, sondern gewählte Parlamente und Regierungen? Warum ist eine Wendung aus der patriarchalischen Vorzeit böse, während eine Phrase aus der aristokratischen Vergangenheit ungehemmt über aller Lippen geht?

Die „Herren aller Länder“ sind nicht alleine. In der politischen Berichterstattung finden sich heutzutage Metaphern wie „Königsmord“, „Vasallen“, „Hofstaat“, „Thronfolger“, „Krönungsmesse“ oder „Kronprinz“. Und niemand stört sich daran. Und niemand glaubt, dass durch die Verwendung solcher Sprachbilder Monarchie und Adelsherrschaft aus ihren Gräbern auferstehen könnten.

Und ich für meinen Teil glaube, dass genauso wenig das Patriarchat zu neuem Leben erwacht, wenn Menschen ungegenderte Texte produzieren. Sprache ist halt doch nur Sprache.