Ein diffuses Unbehagen

Manchmal, wenn ich blogge, habe ich klare Thesen im Kopf, Argumente zur Hand und einen Gedankengang, den ich nur abzuschreiten brauchen.

Heute habe ich nur ein diffuses Unbehagen.

Ich habe heute zwei Texte gelesen.

Die neuesten Sprachbrocken von Anatol Stefanowitsch und
„Die Wiederkehr der Anstandsdame als intolerante Feministin“ von einem gewissen Don Alphonso.

Anatol Stefanowitsch arbeitet sich dieses Mal an drei Texten „mächtiger weißer Männer“ (er ist übrigens selbst einer) und deren Gejammer ab. Allzu viel Differenzierung braucht er dafür nicht. Denn heute sieht Stefanowitsch in Presse-Erzeugnisssen, die er sonst durchaus locker, humorvoll, manchmal gar wohlwollend kommentiert, nur das Werk mächtiger, weißer Männer, die ihre Privilegien verteidigen; denen alles suspekt ist, was in Richtung Gerechtigkeit geht. Heute wirkt Stefanowitsch fast verbittert.

Weniger verbittert, eher geschichtsunvergessen und visionär zugleich gibt sich Herr Alphonso.
Durch die Geschichte hindurch habe sich die Entwicklung der Sexualmoral sehr geradlinig vollzogen: hin zu mehr Freiheit. Was früher verpönt war, ist heute erlaubt.
Doch jetzt treten Feministinnen auf den Plan, drehten die Lauf der Geschichte um und was heute erlaubt ist, ist schon bald verboten. Und vielleicht auch verpönt.

Manchmal regen mich Texte regelrecht auf, manchmal frühe ich Hass, manchmal zerreiße ich jedes Wort schon beim Lesen.

Diese beiden Texte haben nur ein diffuses Unbehagen hinterlassen.

Was ihnen größtenteils fehlt, sind Argumente.

Was beiden gemein ist, ist ein ausgeprägtes Lagerdenken: Freund und Feind. Wir sind die Guten. Die anderen sind die Bösen.

Wir sind die Avantgarde. Wir haben Recht. Die anderen nicht.

Argumente braucht man dafür natürlich nicht. Die hat die Gegenseite ja per definitionem nicht. Für Stefanowitsch ist der Grund des Übels die Geburt – weiß und männlich! – und das vermeintliche Motiv: Sie sind mächtig und wollen ihre Privilegien verteidigen!

Alphonso interessiert sich gar nicht für die Beweggründe seiner (vermeintlichen) Feindinnen. Sie wollen ihm an die Freiheit! Also weg mit ihnen!

Mir geht es hier gar nicht um die Inhalte. Die sind bei beiden – im Guten wie im Schlechten – diskutabel.

Aber die Art ihrer Präsentation hinterlässt einen unguten Nachgeschmack.

Stefanowitsch ist für Gerechtigkeit und gegen Ausgrenzung. Aber wie das genau aussehen soll, erfahren wir nicht. (Der Vorwurf ist gegenüber einem so kurzen Text natürlich unfair. Aber ich lese ziemlich regelmäßig, was er schreibt. Und in seinem Gesamtwerk findet sich dazu zwar durchaus etwas, aber den ganz großen Wurf vermisse ich.)

Alphonso ist für Prostitution und Pornographie. Warum, erfahren wir nicht.

Es liegt ja schließlich auf der Hand. Denn die, die beides nicht wollen, sind ja Moralapostel und Gutmenschen.

Wenn man mal darüber nachdenkt, was das eigentlich sein soll, dann kommt bald der Gedanken: Es heißt gar nichts.

Moralapostel und Gutmenschen – das könnte ich durchaus in mein Diskussionsglossar aufnehmen – das sind doch letztendlich nur „diejenigen, die vehement einen anderen Lebensentwurf predigen oder auch nur leben“. „Gutmenschen“ und „Moralapostel“ sind nichts anderes als hämisch-verhöhnende Wörter für „Vertreter_innen der Gegenseite“.

Ich bin nicht so naiv, jetzt zu fordern „Bringt doch lieber gute Argumente! Wer die besseren hat, überzeugt die anderen und am Ende steht die beste Lösung für alle!“
Gesellschaftlichen Strömungen entstehen nicht durch Argumente. Argumente entstehen „mit“, sie werden in Strömungen und mit ihnen entwickelt, wirken als Katalysator, helfen die eigenen Leute bei der Stange zu halten und Menschen am Rand des Stromes mitzureißen.

Und gesellschaftliche Strömungen schlagen sich nicht dann in gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und Strukturen nieder, wenn die Argumente gut genug sind. Darüber entscheiden viele andere Faktoren.

Aber: Gruppierungen, Strömungen, Denkschulen oder auch Einzelmeinungen – sie alle haben ein Ziel, einen Leitgedanken, ein Ideal, eine Utopie: eine Vorstellung davon, wie Gesellschaft „richtig“ geht, wie es „richtig“ aussehen müsste. Und sei diese Vorstellung noch so diffus.

Warum aber lesen wir davon so selten?

Warum lese ich allzu oft „Schaut her! Die anderen sind dagegen! Schaut euch an, wie dumm, böse, feindselig, merkbefreit und egoistisch die sind!“ oder „Wir wissen ja, dass wir die Avantgarde sind! Pech für den Rest, wenn die nicht dazugehören!“

Warum lese ich so selten, wofür ihr denn eigentlich seid? Wie ihr euch eine Gesellschaft mit Freiheit, Gerechtigkeit und „Werten“, ohne Hass, Diskriminierung und falsche Moral eigentlich vorstellt?

Und wenn ich darüber so nachdenke und mir ins Gedächtnis rufe, worüber ich so alles schon gebloggt habe und worüber nicht, dann denke ich: Ich muss mir hier an die eigene Nase fassen. Vielleicht daher auch mein diffuses Unbehagen.

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