Fehler und Verhalten. Ein offener Brief an Norbert Lammert

Sehr geehrter Herr Lammert*,

ich schätze Sie persönlich. Auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind, halte ich Sie für eine integre Figur, einen Menschen mit Prinzipien und Rückgrat. Und einen unabhängigen Geist.

Jetzt gibt es Plagiatsvorwürfe gegen Sie und Ihre Dissertation. Und damit eine neue Situation für mich: Erstmals steht ein Politiker unter Plagiatsbeschuss, für den ich gewissen Sympathien hege.

Zugleich aber ist es eine alte Situation: Das eigentlich Entscheidende wird in der Öffentlichkeit fast nicht diskutiert. Während die Causa Guttenberg klar wie Quellwasser war, war schon Schavan ein Zweifelsfall. Es wurde allerdings kaum darüber geredet, ob das, was sie getan hat (nämlich nicht als solche markierte Sekundärzitate) in Ordnung ist oder nicht.

Und das war zu einem großen Teil die Schuld der ehemaligen Bildungsministerin.

Statt sich inhaltlich zu rechtfertigen sagte sie in der Öffentlichkeit stets lediglich zwei Dinge:
1. „Die Uni ist schuld! Geheimnisverrat! Parteiisch! Ich will unabhängige Gutachter!“
2. „Viele renommierte Wissenschaftler sagen, dass ich nicht plagiiert habe.“
Derailing und ein Strohmann-Argument. Inhaltlich hat sich Schavan nie geäußert. Das und vor allem das nehme ich ihr übel.

Herr Lammert, machen Sie das bitte besser!

Was ich bislang von Ihnen gehört habe, klingt leider nicht allzu vielversprechend: „Ich habe meine Doktorarbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt.“

Schön. Und jetzt?

Was ich von Ihnen (wie zuvor schon von Schavan) hören will, ist: „Ich habe auf S. sowieso meiner Dissertation in Fußnote xy das und das geschrieben, weil… Ich halte das aus diesen oder jenen Gründen für legitim.“

Ganz ehrlich: Mir sind noch so hanebüchene Erklärungen – „Der Hund hat meine Exzerpte gefressen!“ – lieber als gar keine.

Ich selbst verfüge über praktische Erfahrungen im Disserations-Schreiben. Ich weiß, wie groß die Versuchung ist, schwierige Texte zu referieren, die man gar nicht gelesen hat, indem man sich heimlich auf andere stützt, die (angeblich) das komplizierte Zeug durchdrungen haben.

Ich habe der Versuchung immer widerstanden. Sie offensichtlich nicht.

Man kann durchaus darüber diskutieren, ob das ein schweres Vergehen ist oder ob sich das mit „Ich war jung und brauchte den Titel“ entschuldigen lässt.

Aber bitte, bitte, bitte, Herr Lammert – stellen Sie sich der Diskussion!

Geben Sie ein klares Statement ab, verteidigen Sie sich Punkt für Punkt und verstecken Sie sich nicht hinter Claqueuren und Formalitäten!

Vielleicht können Sie dann Ihren Titel behalten.

Herzliche Grüße,

Ihr anonymer Blogger Schneeschwade.

 

* Dass ich nicht „Dr. Lammert“ schreibe, hat nichts mit einer Vorverurteilung zu tun. Offene Briefe schreibt man nicht mit akademischen Titeln. Das steht so im Handbuch.

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5 Gedanken zu „Fehler und Verhalten. Ein offener Brief an Norbert Lammert

    • Beeindruckt hat mich bspw., dass er in der Euro-Debatte die Vorgaben der Fraktionsführungen ignoriert hat und auch Euro-Kritikern das Wort erteilt hat. Ich bin kein Parlamentarismus-Fan, aber Lammert kämpft hier (zwar nicht uneigennützig) gegen den Bedeutungsverlust des Bundestages und zwar öfter mal gegen die eigene Partei. Und auch seine Statements zum Thema Nebeneinkünfte etc. haben sich in meinen Augen immer ziemlich wohltuend vom Rest abgehoben.
      Klar, ich würde für ihn keine Hand ins Feuer legen, Vieles ist hier gespielt und taktiert. Klar. Aber trotzdem erscheint mir der Mann sympathisch.

      • Okay, danke für die Antwort. Was du meinst, ist mir damals nicht aufgefallen, und was mir aufgefallen ist, hat mich eher in die gegenteilige Richtung beeinflusst.
        Aber da wir ihn beide nicht näher kennen, können wir das wohl getrost dahin stehen lassen.

  1. Ich kann solche Träume gut nachvollziehen. Am 3. Mai 2012 dachte ich etwas Ähnliches zum gerade angelaufenen Fall Schavan: Sie sollte einen Plagiatsgipfel veranstalten! (unteres Drittel ab Zwischenüberschrift „Zeit für einen Plagiatsgipfel“)

    Bis dahin war Schavan vor allem dadurch aufgefallen, dass sie zu jeder Gelegenheit betonte, Wissenschaftlerin zu sein (vgl. ihre Aussage über Guttenberg). Und katholisch. Na, dann hätte sie es ja nicht nötig, wie Baron Münchhausen zu fabulieren, dachte ich, und sie könnte ja mit Experten diskutieren und sowas wie „Sekundärzitate“ einräumen, behaupten, dass das damals nunmal so war und sie sich manchmal frage, ob das denn alles richtig war. Und dem wissenschaftlichen Nachwuchs könnte sie auf diesem „Plagiatsgipfel“ erklären oder erklären lassen, was ok ist und was nicht. Ihre Verfehlungen lagen ja lange zurück, Beichten, tätige Reue, und erledigt. Und nützlich für eine realistische Betrachtung der Promotionspraxis wäre es außerdem. Toll für den Bildungsstandort.

    Dass sie aber genau die entgegengesetzte Strategie wählte, demonstriert, wie genau sie wusste, dass ihre Beteuerungen hohl waren. Was sie gemacht hat, waren auch nicht bloß „Sekundärzitate“.

    Den Plagiatsgipfel hat sie schließlich doch noch veranstaltet, oder besser: veranstalten lassen. Selbst konnte sie auch leider nicht zur großen Tagung des Wissenschaftsrats kommen, und Schavans Dissertation wurde auch nicht in der Weise thematisiert, sie habe auf S. sowieso ihrer Dissertation in Fußnote xy das und das geschrieben, weil …
    Aber großflächige Relativierungen und pauschale Ehrenerklärungen, die wurden am laufenden Band abgegeben. Da wurde sogar suggeriert, die Leute, von denen Schavan abgeschrieben hat, die hätten ja genauso abgeschrieben. Natürlich ohne Nennung konkreter Stellen. Und dass Schavan ja Leuten im Vorwort gedankt habe. Von denen habe sie dann natürlich auch ungekennzeichnet übernehmen dürfen.

    Und Lammert? Tja. Man soll ja nicht aufhören, zu hoffen.

  2. Sie schreiben:
    ***
    Was ich von Ihnen (wie zuvor schon von Schavan) hören will, ist: “Ich habe auf S. sowieso meiner Dissertation in Fußnote xy das und das geschrieben, weil… Ich halte das aus diesen oder jenen Gründen für legitim.” […]
    Geben Sie ein klares Statement ab, verteidigen Sie sich Punkt für Punkt […]
    ***
    Die Arbeit ist 37 Jahre alt! Wie soll er die im damaligen („historischen“) Kontext entstandenen Gedankengänge aus damaliger Sicht begründen? Denn in Bezug auf die Beurteilung seiner Integrität ist genau diese damalige Sicht ja relevant. Er soll den 37 Jahre jüngeren Norbert Lammert verteidigen, der er heute nicht mehr ist?

    Objektiv kann er dies nur zusammenfassen als “Ich habe meine Doktorarbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt” und die weitere Prüfung der Hochschule überlassen.

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