„Diskriminierend“ oder „nicht-diskriminierend“ – das ist nicht die Frage.

Wikipedia definiert „Diskriminierung“ wie folgt:

Diskriminierung bezeichnet eine gruppenspezifische Benachteiligung oder Herabwürdigung von Gruppen oder einzelnen Personen.

Diskriminierung gibt es in (nahezu) allen Bereichen menschlichen Zusammenlebens. Ich will jetzt nur zu einem etwas schreiben: die Sprache.

Zu diesem Thema ist schon ziemlich viel digitale und analoge Tinte vergossen worden, aber ich habe bei dem, was ich dazu gelesen habe, den Eindruck, dass noch nicht alles gesagt ist. Der Kern des Problems ist meines Erachtens noch nicht erkannt.

Das punctum saliens ist keineswegs die Frage: „Ist dieses oder jenes sprachliche Phänomen diskriminierend?“ oder „Wer bestimmt eigentlich, was diskriminierend ist und was nicht?“

Nehmen wir ein Beispiel: „Mohrenkopf“. Platt ausgedrückt ist die Logik des Wortes folgende: „Diese süßen Dinger sind dunkelbraun. Es gibt Menschen, die sind auch dunkelbraun, also nennen wir das Gebäck nach den Menschen.“

(Klammer auf. Vielleicht ist die Logik auch eine andere: Schauen wir uns das Objekt selbst doch einmal näher an. Unter einer Schicht aus zumeist dunkelbrauner Schokolade verbirgt sich ein Kern aus Zuckerschaum. Und der ist weiß. Hat schon mal jemand darüber nachgedacht, dass dem Wort „Mohrenkopf“ folgender Gedanke zugrunde liegen könnte: „Dieses Gebäck ist außen braun und innen weiß. Das ist genauso wie mit dem Mohren. Die haben zwar eine dunkle Haut, aber unter dieser dünnen Schicht sind sie genau dasselbe wie wir. Nämlich weiß.“ Wenn das aber so (gewesen) wäre, müsste man sich fragen, ob dieser Gedanke völkerverbindend und undiskriminierend wäre (Motto: „Alle Menschen sind gleich!“) oder gerade besonders diskriminierend, weil in dieser Benennung Weiß-Sein zur Norm erhoben würde. Aber ich glaube selbst nicht recht, dass das der Gedanke ist, der zur Wortbildung „Mohrenkopf“ führte. Daher: Klammer zu.)

Das Worte wäre nicht viel besser, wenn es „Dunkelhäutigenkopf“ oder Ähnliches hieße. Aber der Bestandteil „Mohr“ macht es natürlich nur umso schlimmer. (Man  kann sich natürlich fragen, ob die diskriminierende Komponente irgendwann in Vergessenheit geraten kann. „Mohr“ ist nicht mehr allzu gebräuchlich und ich lernte als Kind definitiv früher, was ein „Mohrenkopf“ ist, als, was ein „Mohr“ ist.)

Also weg mit dem Wort.

Aber ist es damit getan?

Nein.

Und damit meine ich nicht, dass die Alternative, die sich die Werbeindustrie ausgedacht hat, einfach nur schrecklich ist: „Schokokuss“? Im Ernst? Die glauben, ich nenn die Dinger „Schokokuss“? Könnte man nicht wenigstens, analog zum „Salatkopf“ den Kopf behalten? Schaumkopf wäre erträglicher.*

Nein, das Problem ist: Wir als Sprachgemeinschaft können gar nicht auf alle Wörter verzichten, die diskriminierend sind.

Mein Lieblingsbeispiel ist das Wort „Scheiße“. Man gebraucht es gerne als Fluch oder Kraftausdruck. Das ist niedrigstes Sprachniveau, gewiss. Aber dieses gängige Wörtchen gilt – zumindest meines Wissens – nicht als diskriminierend oder ausgrenzend gegenüber gewissen Minderheiten.

Dabei sollte es das — dächte man an unsere koprophilen Mitbürger_innen.

Ja, genau an die. Die hatte im Zusammenhang mit diskriminierender Sprache bislang nämlich niemand auf dem Schirm.

Unter Koprophilie versteht man laut Wikipedia „den sexuellen Lustgewinn durch menschlichen Kot bzw. dessen Ausscheidung“.

Könnte es nicht sein, dass Menschen sich diskriminiert und beleidigt fühlen, wenn das, was ihnen höchste Lust verschafft, als Synonym schlechthin für alles Negative in der Welt gilt? Wenn ihr Fetische zum Fluch benutzt wird?

Ich kann mir das schon vorstellen.

Trotzdem fordert kein Mensch (auch ich nicht), auf das Wort „Scheiße“ zu verzichten.

Und warum? Weil das Wort unter dem liegt, was ich als „Diskriminierungsschwelle“ bezeichnen will. Es mag sein, dass sich eine Minderheit von einem Wort und seinem Gebrauch beleidigt fühlt. Aber, da muss man ehrlich sein, diese Minderheit hat dann halt Pech gehabt.

Eine Sprachgemeinschaft kann genauso wenig wie jede menschliche Gesellschaft immer überall und in jedem Fall auf die Belange aller Einzelnen eingehen und Rücksicht nehmen. Das funktioniert in meinen Augen nicht.

Die Frage darf also nicht sein: „Ist dieses Wort diskriminierend?“, sondern „Liegt es über der Diskriminierungsschwelle?“

Nochmal: Wir können nicht auf alle Rücksicht nehmen und auf wen wir Rücksicht nehmen, muss in einer Gesellschaft ständig neu verhandelt werden. Und das sollte in meinen Augen offen und ehrlich passieren.

Ein Kriterium und wichtiges Argument wäre sicherlich: Liegt im fraglichen Wort nur eine möglicherweise gar nicht intendierte Bedeutungsnuance vor, die diskriminierend verstanden werden könnte? (Wie im Beispiel „Scheiße“) Oder liegt einem Wort ein Gedanke zugrunde, der sich in mehr äußerst als nur in diesem einen Wort, der Ausgrenzung  und Diskriminierung einschließt und befördert? Genau darin liegt ja das Problem vom „Mohrenkopf“: Es gibt leider, leider Rassismus. Und der ist alles andere als harmlos.

Die Koprophilen haben demgegenüber wohl das bessere Los erwischt und müssen nunmal mit der Scheiße leben. (Pun intended.)

Es macht einen Unterschied, ob sich in einem Wort ein Irrsinn widerspiegelt, der viele Menschenleben gekostet hat und noch immer kostet. Dann müssen wir es verbannen.

Aber es geht nicht darum, alles aus der Sprache zu fegen, was irgendwie, irgendwann gegen irgendwann als diskriminierend angesehen werden könnte. Das geht nicht. Das funktioniert nicht.

Es geht darum, ehrlich darüber zu diskutieren, was als problematisch angesehen wird und was nicht.

Es gibt genügend diskriminierende Wörter unterhalb der Diskriminierungsschwelle. Dazu sollte eine Gesellschaft stehen. Damit sollte sie ehrlich umgehen und die Gründe benennen, warum das eine aus dem Sprachschatz gefegt werden soll und das andere nicht.

Denn für eine Gesellschaft gilt: Du bist, was du (nicht) diskriminierst.

* Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich hänge ästhetisch überhaupt nicht am Wort „Mohrenkopf“. Mich erinnert es schon immer zu sehr an „Mohrrübe“. Die mag ich zwar auch, aber es ist einfach etwas völlig Anderes.
Aber wenn man schon eines Wort kreieren muss, könnte es wenigstens ein brauchbares sein. Und da ist alles besser als „Schokokuss“.

Sport

Und nun zum Sport.

Dazu gibts momentan zwei Meldungen – Jan Ulrich gesteht ein bisschen Doping; in Brasilien sind viele mit der WM und vielem anderen unzufrieden – aber mir gehts heute weder um Doping (dazu vielleicht ein andermal) noch um Korruption in Brasilien (davon hab ich keine Ahnung). Mir gehts heute um etwas Grundsätzliches.

„Möge der Beste gewinnen“, heiß es immer.

Und wer ist beim Sport der oder die Beste?

Recht eigentlich ist das doch, wer
a) die passenden körperlichen Voraussetzungen für die jeweilige Sportart mitbringt
b) über etwas diffuses wie „Talent“ verfügt
c) am besten und härtesten trainiert hat.

(Und natürlich kommt noch das berühmte Pfund Glück dazu.)

Klingt eigentlich selbstverständlich. Ist aber nicht so.

Es bekommen Hunderte von Menschen olympisches Gold, die im Grunde keine Chance darauf haben dürften.

Warum?

Weil es – ziemlich willkürlich – so etwas wie „Klassen“ im Leistungssport gibt. Und damit meine ich nicht Altersklassen (über deren Sinn kann man auch diskutieren), sondern einerseits die Geschlechtertrennung und andererseits Paralympics und Konsorten.

Ein 1,55m großer Mann wird nie Basketballprofi werden und eine 1,90 große Frau keine Eiskunstläuferin. Und andersrum auch nicht.

Das ist nun mal so, damit müssen sich alle abfinden, das ist Sport.

Was kein Sport ist, ist willkürliches Aussortieren nach Dingen wie „Geschlecht“ oder gar „Behinderung“. Im Prinzip sagt man damit doch Frauen und Behinderten: „Ihr seid nicht gut genug, euch mit den ‚Richtigen‘ zu messen, ihr bekommt eine Nische, in der ihr euch austoben dürft und auch ein bisschen Aufmerksamkeit bekommt.“

Das ist Othering in Reinform.

Konsequent, aber undurchführbar wäre es, eigene Klassen für alle zu schaffen: Für alle, die körperlich untauglich für eine Sportart geboren wurden, aber nicht nach gängiger Definition als „behindert“ gelten. Dann gäbe es den 100-Meter-Lauf in der Gewichtsklasse der über 150kg-Schweren, Sumo-Ringen für Untergewichtige.* Und natürlich Dressurreiten für Pferdehaar-Allergiker (mit Pferden, die vorher in Plastikfolie eingepackt werden).

Klingt absurd?

Wäre aber genauso absurd wie die Situation heute.

Wer für eine Sportart mit den falschen körperlichen Voraussetzungen geboren wurde, hat eben Pech gehabt. Aber statt das einzusehen, schaffen wir für manche der „Benachteiligten“ eigene Klassen und zeigen ihnen damit erst recht, wie benachteiligt sie sind.

Den abfälligen Spruch „ganz großes Damentennis!“ hab ich schon öfter gehört. „Ganz großes Herrentennis!“ noch nie. Über Vorurteile gegenüber Frauenfußball ganz zu schweigen.

Woran liegt das? Das liegt daran, dass Frauensport nicht für voll genommen wird.

Und in gewisser Weise zurecht. Weil Sport mit Geschlechtertrennung die entscheidende Voraussetzung für einen Wettkampf fehlt: Statt der Allerbesten treten nämlich immer nur manche an. Die, die in irgendein seltsames Raster passen.

Zum 19. Jahrhundert, als die „olympische Idee“ geboren wurde, passte Geschlechtertrennung im Sport. Auch gerade aus „sittlichen Gründen“. Ins 21. Jahrhundert passt sie nicht.
Zumindest nicht im Leistungssport. Im Freizeitsport solle alle machen, was sie wollen, und Schulsport ist ein Problemfall für sich. Aber beim Spitzensport geht es zuallererst um Öffentlichkeit und Publicity. Und momentan ist die Botschaft die falsche.

Daher: Weg mit der Geschlechtstrennung! Weg mit Paralympics!

Ich bin mir sicher, dass – gerade in den Mannschaftssportarten – auch Frauen in gemischten Ligen und Mannschaften reüssieren werden. Und sicherlich auch einige von denen, die nach gängiger Definition als „behindert“ gelten.

Ich warte auf den Tag, an dem sich ein Sportler zwei gesunde Beine amputieren lässt, weil Prothesen besser sind. Warum denn auch nicht?

Es mag sein, dass sich Menschen (beiderlei Geschlechts) in gemischten Mannschaften unwohl fühlen, dass sich manche Menschen einen geschützten Raum wünschen, in dem sie unter Ihresgleichen sind. Das ist auch völlig legitim. Aber eben nicht im Spitzensport. Im Leistungssport geht es um öffentliche Darstellung, um ständige Beobachtung, letztlich um Unterhaltung für die Massen. Da sind Schutzräume in meinen Augen fehl am Platz.** Weil sie nichts mit Wettkampf zu tun haben. Weil sie Menschen ausschließen. Weil sie eine falsche Botschaft senden. Weil sie den Betroffenen eher Mitleid als Anerkennung verschaffen. Oder blanken Hohn.


* Gewichtsklassen beim Boxen und Konsorten seh ich übrigens auch nicht ein.

** Von dieser generellen Aussage abgesehen halte ich Sammelduschen und -umkleiden für eine sehr archaische Sache, die im Grunde nicht in unsere Zeit passt.

Ein diffuses Unbehagen

Manchmal, wenn ich blogge, habe ich klare Thesen im Kopf, Argumente zur Hand und einen Gedankengang, den ich nur abzuschreiten brauchen.

Heute habe ich nur ein diffuses Unbehagen.

Ich habe heute zwei Texte gelesen.

Die neuesten Sprachbrocken von Anatol Stefanowitsch und
„Die Wiederkehr der Anstandsdame als intolerante Feministin“ von einem gewissen Don Alphonso.

Anatol Stefanowitsch arbeitet sich dieses Mal an drei Texten „mächtiger weißer Männer“ (er ist übrigens selbst einer) und deren Gejammer ab. Allzu viel Differenzierung braucht er dafür nicht. Denn heute sieht Stefanowitsch in Presse-Erzeugnisssen, die er sonst durchaus locker, humorvoll, manchmal gar wohlwollend kommentiert, nur das Werk mächtiger, weißer Männer, die ihre Privilegien verteidigen; denen alles suspekt ist, was in Richtung Gerechtigkeit geht. Heute wirkt Stefanowitsch fast verbittert.

Weniger verbittert, eher geschichtsunvergessen und visionär zugleich gibt sich Herr Alphonso.
Durch die Geschichte hindurch habe sich die Entwicklung der Sexualmoral sehr geradlinig vollzogen: hin zu mehr Freiheit. Was früher verpönt war, ist heute erlaubt.
Doch jetzt treten Feministinnen auf den Plan, drehten die Lauf der Geschichte um und was heute erlaubt ist, ist schon bald verboten. Und vielleicht auch verpönt.

Manchmal regen mich Texte regelrecht auf, manchmal frühe ich Hass, manchmal zerreiße ich jedes Wort schon beim Lesen.

Diese beiden Texte haben nur ein diffuses Unbehagen hinterlassen.

Was ihnen größtenteils fehlt, sind Argumente.

Was beiden gemein ist, ist ein ausgeprägtes Lagerdenken: Freund und Feind. Wir sind die Guten. Die anderen sind die Bösen.

Wir sind die Avantgarde. Wir haben Recht. Die anderen nicht.

Argumente braucht man dafür natürlich nicht. Die hat die Gegenseite ja per definitionem nicht. Für Stefanowitsch ist der Grund des Übels die Geburt – weiß und männlich! – und das vermeintliche Motiv: Sie sind mächtig und wollen ihre Privilegien verteidigen!

Alphonso interessiert sich gar nicht für die Beweggründe seiner (vermeintlichen) Feindinnen. Sie wollen ihm an die Freiheit! Also weg mit ihnen!

Mir geht es hier gar nicht um die Inhalte. Die sind bei beiden – im Guten wie im Schlechten – diskutabel.

Aber die Art ihrer Präsentation hinterlässt einen unguten Nachgeschmack.

Stefanowitsch ist für Gerechtigkeit und gegen Ausgrenzung. Aber wie das genau aussehen soll, erfahren wir nicht. (Der Vorwurf ist gegenüber einem so kurzen Text natürlich unfair. Aber ich lese ziemlich regelmäßig, was er schreibt. Und in seinem Gesamtwerk findet sich dazu zwar durchaus etwas, aber den ganz großen Wurf vermisse ich.)

Alphonso ist für Prostitution und Pornographie. Warum, erfahren wir nicht.

Es liegt ja schließlich auf der Hand. Denn die, die beides nicht wollen, sind ja Moralapostel und Gutmenschen.

Wenn man mal darüber nachdenkt, was das eigentlich sein soll, dann kommt bald der Gedanken: Es heißt gar nichts.

Moralapostel und Gutmenschen – das könnte ich durchaus in mein Diskussionsglossar aufnehmen – das sind doch letztendlich nur „diejenigen, die vehement einen anderen Lebensentwurf predigen oder auch nur leben“. „Gutmenschen“ und „Moralapostel“ sind nichts anderes als hämisch-verhöhnende Wörter für „Vertreter_innen der Gegenseite“.

Ich bin nicht so naiv, jetzt zu fordern „Bringt doch lieber gute Argumente! Wer die besseren hat, überzeugt die anderen und am Ende steht die beste Lösung für alle!“
Gesellschaftlichen Strömungen entstehen nicht durch Argumente. Argumente entstehen „mit“, sie werden in Strömungen und mit ihnen entwickelt, wirken als Katalysator, helfen die eigenen Leute bei der Stange zu halten und Menschen am Rand des Stromes mitzureißen.

Und gesellschaftliche Strömungen schlagen sich nicht dann in gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und Strukturen nieder, wenn die Argumente gut genug sind. Darüber entscheiden viele andere Faktoren.

Aber: Gruppierungen, Strömungen, Denkschulen oder auch Einzelmeinungen – sie alle haben ein Ziel, einen Leitgedanken, ein Ideal, eine Utopie: eine Vorstellung davon, wie Gesellschaft „richtig“ geht, wie es „richtig“ aussehen müsste. Und sei diese Vorstellung noch so diffus.

Warum aber lesen wir davon so selten?

Warum lese ich allzu oft „Schaut her! Die anderen sind dagegen! Schaut euch an, wie dumm, böse, feindselig, merkbefreit und egoistisch die sind!“ oder „Wir wissen ja, dass wir die Avantgarde sind! Pech für den Rest, wenn die nicht dazugehören!“

Warum lese ich so selten, wofür ihr denn eigentlich seid? Wie ihr euch eine Gesellschaft mit Freiheit, Gerechtigkeit und „Werten“, ohne Hass, Diskriminierung und falsche Moral eigentlich vorstellt?

Und wenn ich darüber so nachdenke und mir ins Gedächtnis rufe, worüber ich so alles schon gebloggt habe und worüber nicht, dann denke ich: Ich muss mir hier an die eigene Nase fassen. Vielleicht daher auch mein diffuses Unbehagen.

Schneeschwades Diskussionsglossar

Die Debattenwellen wogen, die Flammen der Diskussion lodern und im Gewirr der Meinung verschafft sich Gehör, wer am lautesten schreit.

Und wenn man hinhört, wenn man dem Geschrei zuhört, dann hört man allzu oft dieselben Satzfetzen. Mächtige Begriffe, scharfe Adjektive, kühn konstruierte Zusammenhänge – und letztlich doch nur abgedroschene Phrasen.

Und diese Phrasen sind selten objektive Wahrheiten und kaum häufiger glasklare Argumente, sondern meist nur schlecht kaschierte, aber umso festgefahrenere persönliche Ansichten.
Wenn wir diskutieren – ich nehme mich da keineswegs aus, gaukeln wir Objektivität vor, verdammen mit scharfen Worten die Gegenseite, tun so, als würden wir deren Argumente zerlegen – in Wahrheit treffen wir nur nur ganz subjektive Aussagen.

Ich will dem ein wenig abhelfen.

Ich habe daher – ganz subjektiv und polemisch – typischen Diskussionsfetzen gegenübergestellt, was damit wirklich gemeint ist.

(All das bezieht sich nicht auf irgendeine aktuelle Debatte und schon gar nicht auf Argumentationsmuster bestimmter Menschen, sondern ist generell gemeint.)

„oberflächlich!“ „Aspekte, die ich für wichtig halte, sind nicht berücksichtigt.“
„wirr!“ „Ich verstehs nicht.“
„geschichtsvergessen!“ „Eine historische Analogie, die ein gutes Argument für meine Meinung ist, wird nicht erwähnt.“
„tendenziös!“ „Es wird eine Meinung vertreten, die ich nicht teile.“
„Propaganda!“ „Es wird lautstark eine Meinung vertreten, die ich nicht teile.“
„Es gibt größere/andere Probleme!“, „Solange wir sonst keine Probleme haben!“ „Ich setze andere Prioritäten.“
„keine Ahnung!“, „Halbwissen!“ „Fakten, die ich für wichtig halte, werden nicht erwähnt.“
„Verschwörungstheorie!“ „Die vorgebrachte Meinung ist hinsichtlich der behaupteten Zusammenhänge ziemlich weit weg von meiner Sicht der Dinge.“
„eine unpolitische Ansicht!“ „Eine politische Ansicht, die ich nicht teile.“
„übersimpfliziert!“, „zu stark vereinfacht!“, „Reduktionismus“ „Aspekte, die ich für wichtig halte, werden weggelassen.“
„Relativierung!“ „In meinen Augen ist das Phänomen dramatischer.“
„Kampagne!“ „Es stehen ziemlich viele und/oder einflussreiche Leute gegen meine Meinung.“
„Derailing!“, „Ablenkungsmanöver!“, „Nebelkerzen!“ „Es wird gerade nicht über das diskutiert, worüber ich gerne diskutieren würde.“
„verzerrte Darstellung!“, „suggestiv!“, „manipulativ!“ „Es wird rhetorisch geschickt eine Gegenmeinung vertreten.“

Lasst uns über Machtstrukturen reden

Der „Aufschrei“ ist noch immer zu hören und so langsam wird aus dem Schrei eine Debatte. (Anfangs waren es nur Meinungsäußerungen mit ähnlichem Tenor, jetzt sind auch andere Stimmen zu hören. Etwa Das Schreien der Lämmer von „Frau Meike“ oder auch Thomas Stadler, der (nicht ganz überraschend) in all dem Tumult nur den blinden Herdentrieb sieht, der Tendenz- und Kampagnen-Journalismus hinterher trottet.)

Ich will kurz auf einen Aspekt eingehen, der in meinen Augen zu kurz kommt, bzw. gar nicht beachtet wird.

Vorher muss ich allerdings Allgemeines zum Thema loswerden:

1. Der Aufschrei ist richtig. Je früher übergriffiges und belästigendes Verhalten aus unserer Welt verschwindet, desto besser.

2. Sexismus und sexuelle Belästigung sind in meinen Augen nicht das gleiche. Es mag dieselbe Wurzel haben, aber ein Verhalten, das sich gegen alle Angehörigen eines Geschlechts richtet (~Sexismus), ist nicht gleichzusetzen mit Taten und Worten gegenüber Menschen (bzw. Frauen), die man(n) als attraktiv empfindet und gegenüber denen man glaubt, ein Besitzrecht zu haben. In der Debatte geht es um Beides, aber eher um Letzteres.

3. Eine ernst gemeinte und ganz praktische Aufforderung. Allenthalben ist zu hören „Wir brauchen eine Debatte darüber, was in Ordnung ist und was nicht.“ – Dann fangt doch bitte endlich mal damit an! Macht doch einfach Listen und schreibt, was ok ist und was nicht, liebe Frauen. Mit allen möglichen Beispielen, die gerade so durch den Raum schwirren: Was geht noch? Was geht nicht? Wenn es genug solcher Listen gäbe,  käme die Debatte wirklich voran und wir könnten klarer sehen. (Falls gewünscht, kann ich natürlich auch aus meiner männlichen Sicht eine solche „Ok/Nicht-Ok-Liste“ machen.)

Jetzt aber zum eigentlichen Punkt.

„Lasst uns über Machtstrukturen reden“, twittert Maurizio Cavaliere (@macava) und bringt es auf den Punkt.

So endet der (erste?) SPON-Artikel zum Thema.*

Ja, lasst uns über Machtstrukturen reden.

Ich glaube, dass es außer Frage steht, dass Männer insgesamt und im Schnitt in Deutschland mehr Macht besitzen als Frauen. Sie sitzen überproportional in Regierungen, Parlamenten, Vorständen, Aufsichtsräten und auf Professuren, haben die populären Sportarten fast für sich und prägen gesellschaftliche Debatten häufiger als Frauen. (Ob man diesen Zustand nun „Patriarchat“ nennen sollte oder nicht, ist eine müßige Frage. In meinen Augen ist es das falsche Wort, weil es einen wesentlich krasseren Zustand beschreibt. Wir reden in Deutschland von zahlenmäßigen und wohl auch gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten. Vor dem Gesetz aber sind die Geschlechter gleich. Theoretisch und in Einzelfällen auch praktisch stehen Frauen sämtliche Aufstiegschancen offen. Das ist in „echt“ patriarchalischen Gesellschaften und Staaten anders. Aber die Diskussion um Begrifflichkeiten führt zu nichts.)

Nun heißt all dies allerdings nicht, dass jeder Mann mächtig und jede Frau machtlos ist. Ich warne davor, ob der Sexismus-Debatte andere, vielleicht wichtigere, Machtstrukturen, Kungeleien und Seilschaften zu ignorieren. Es mag wahr sein (wenn auch etwas vereinfacht), dass Männer häufiger aufgrund ihrer „Netzwerke“ auf mächtige Posten gelangen und dort angekommen glauben, alle hübschen Frauen gehörten ihnen. Aber es gelingt bei Weitem nicht allen Männern, weit nach oben zu kommen. Wir sollten eher darüber reden, dass die Falschen aufgrund der falschen Fähigkeiten („Networking“) nach oben kommen.

Denn sexuelles Dominanzverhalten ist in meinen Augen weniger eine Sache des Geschlechts als eine Frage der Persönlichkeit. Wer einem Schuldigem also weniger dessen Taten vorwirft, sonder die Tatsache, dass er ein Mann ist, hilft letztlich den Chauvinisten: „Ich bin ein Mann, ich bin nun mal so!“ Die Front sollte zwischen der Minderheit, die sexuelle Belästigungen für akzeptabel hält, und der Mehrheit, die das anders sieht, verlaufen. Und nicht zwischen Männern und Frauen.

Denn ansonsten stünde hier nicht eine (hoffentlich sehr kleine) Minderheit gegen eine Mehrheit, sondern es würden Menschen, die dort nicht hingehören, auf die Feindseite gedrängt, sodass sich letztlich zwei in Etwa ähnlich große Gruppen gegeneinander stünden.

Und damit sind wir schon beim letzten Punkt angelangt.

Es gibt ziemliche Frauen in Deutschland.

Macht ist kein Bit, das nur den Wert 1 oder 0 annehmen kann. Es gibt nicht nur „mächtig“ und „machtlos“. Macht ist eine diffuse, volatile und vor allem nuancierbare Angelegenheit. Sie kennt sehr viele Zwischenstufen.

Liebe Frauen, die ihr euch (allzu oft sicherlich zurecht) ohnmächtig und ganz unten fühlt: So machtlos seid ihr nicht!

Allein die Tatsache, dass es nur eines kleinen Auslösers und weniger Tage bedurfte, bis der Aufschrei kam, bis Medien den Schrei hörten und aufgriffen, bis eine Debatte entstand, bis auch viele Nicht-Betroffenen Partei ergriffen, zeigt doch, wie viel Macht die von Sexismus und Belästigung Betroffenen haben.

Revolutionen, Aufstände, Umstürze – das zeigt die Geschichte – gingen immer von denjenigen Unterdrückten aus, die mächtig genug waren für die Tat, aber in ihren Augen nicht mächtig genug.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich sage das gar nicht, um das Anliegen zu delegitimieren oder zu diffamieren. Ich will zu bedenken geben: Ihr habt Macht! Ich hoffe, ihr wisst sie richtig zu nutzen.

Und – so wichtig es ist, sich dem Anliegen der aufschreienden Unterdrückten anzunehmen – wir sollten nicht vergessen: Den Aufschrei der wirklich völlig Machtlosen, den hören wir nicht. Per definitionem. Hörten wir ihn, wären sie nicht völlig machtlos.

* Edit: Link auf Tweet von mir. Nicht im Original.

Ein paar unsortierte Gedanken zum Thema „geschlechtergerechte Sprache“

Schlägt man im „Georges“, dem „ausführlichen lateinisch-deutschen Handwörterbuch“, das schöne Wort grabātus (ī m.) nach, erhält man zur Auskunft: „ein niedriges Ruhebett für Kranke u. Studierende“. Vielleicht frage nicht nur ich mich: Studierende? Warum sollten denn Studenten eine eigene Bettform haben? Speziell eingerichtete Studentenbunden im alten Rom? Nach einigen Sekunden Überlegung wurde zumindest mir klar, dass der gute Mann (Ja, der „Georges“ stammt noch aus der Zeit, als Lexika von einzelnen großen Gelehrten verfasst wurden.) mit „Studierende“ keineswegs „Leute, die an einer Hochschule eingeschrieben sind“ meint, sondern „Leute, die im Moment etwas lesen, d.h. studieren“. Da hatte ich eine Erkenntnis gewonnen: Geschlechtergerechte Sprache ist nicht umsonst zu haben. Das Streben nach Geschlechtsneutralität ändert Verwendungsweisen altbekannter Wörter und bringt gleichzeitig neue sprachliche Zeichen hervor. Wenn der Preis nur der ist, dass zumindest ich beim Nachschlagen in 100 Jahre alten Standardlexika etwas länger für das Verständnis brauche, ist das ein gutes Geschäft. Denn im Gegensatz zu einigen Diskussionpartner_innen der letzten Zeit habe ich die Problematik eines Sprachgebrauchs, der Frauen und Intersexuelle ausschließt, erkannt. Aber Problem erkannt heißt hier noch lange nicht Problem gebannt. Nein, es gibt Probleme und die bestehen in mehr als nur der Bedeutungsverschiebung des Wortes „Studierende“.

Ich will im Folgenden ein paar Thesen, Gedanke und praktische Ansichten zum Thema loswerden. Zu erwarten ist nichts Revolutionäres, nur Klärendes.

Zunächst einmal: Man kann es in diesem Punkt (wie überhaupt) nicht allen Recht machen. Den einen ist ein „gegenderter“ Text Teufelszeug, linke Spinnerei, Ausdruck eines Frauenkampfes gegen Windmühlen, den anderen ist das „generische Maskulinum“ sprachegewordenes Patriarchat und Chauvinismus. Wie mans macht, macht mans falsch.

Wenn mans nun eh nicht allen Recht machen kann, kann man getrost auf sich selbst hören. Denn Sprache und Stil sind immer auch Geschmackssache und Geschmack ist individuell.

Geschmacklich gefällt mir die Gendergap besser als ihre Alternativen. Das Binnen-I mag ich nicht, Schrägstrich und Stern sind schon für anderes belegt. Aber so ein Unterstrich hat auch graphisch eine gewisse Anmut. Ich verwende ihn mittlerweile recht gerne, wenn auch nicht durchgehend. Aber überhaupt sind Personenbezeichnungen im Plural das kleinste Problem. Im Gegenteil: Auf Grund eigener Erfahrung sehe ich in der Sprachverarbeitung sogar einen Vorteil: Dank Gendergap erkenne ich viel schneller, wenn ein Wort eine Personengruppe im Plural bezeichnet. „Professoren“ sieht ähnlich aus wie „Professuren“, aber „Professor_innen“ lässt mich sofort und nur an Menschen denken.

Problematisch wirds im Singular.

„Der Verwaltungsrat ist beschlussfähig, wenn […] die Vorsitzende oder der Vorsitzende oder ihre Stellvertreterin oder ihr Stellvertreter oder seine Stellvertreterin oder sein Stellvertreter anwesend ist.“

So regelt das das Diakonisches Werk der Pommerschen Evangelischen Kirche. Nun. Da kann mir niemand erzählen, dass das einfacher, schneller und besser zu verstehen ist als „Der Vorsitzender oder sein Stellvertreter“. Ja, es ist gerechter. Aber unendlich umständlicher.

Eine elegantere Lösung in solchen Texten wäre das stetige Abwechseln. Etwa so: „Die Kandidatin hat den Antrag an den Dekan zu entrichten. Lehnt die Dekanin ab, ist dem Kandidaten Gelegenheit zur Stellungnahme einzuräumen.“ Ich glaube tatsächlich, dass fast alle Leser_innen erkennen würden, dass „Dekanin“ und „Dekan“ hier dieselbe (abstrakte) Person meinen und nicht verschiedene. Praktischer Nachteil der Methode: Solange es dafür keine Skripts gibt, ist es bei längeren Texten ein Heidenaufwand alles anzupassen, wenn ein Satz zwischendrin gestrichen oder eingefügt wird und so der Rhythmus durcheinander gerät.

Problematisch wird das auch, wenn aufgrund des Textcharaterks Personenbezeichnungen viel seltener sind. Wenn es irgendwo heißt „Der Soldat von heute ist im Einsatz großen Gefahren ausgesetzt.“ und nach zehn Sätze über Afghanistan folgt „Aber eine gute Psychotherapeutin kann helfen.“ – Das wäre etwas verwirrend. Zudem könnte es – wie in diesem fiktiven Beispiel – passieren, dass zufällig klischéehafte Geschlechterzuordnungen zum jeweiligen grammatischen Geschlecht, das „gerade an der Reihe ist“ passen. Soldat – männlich. Therapeutin – weiblich. Wenn so Geschlechtsstereotype wiederholt werden, ist ein Problem beseitigt und ein neues entstanden.

Das nächste Problem sind Ausdrücke, die teils Personen, teils Abstrakta bedeuten. Wie etwa „Investor“. Damit kann eine Person gemeint sein, aber auch ein Konzern, ein Joint-Venture, eine Holding, ein Fond – was weiß ich. Wenn ich allerdings die Form „Investor_innen“ lese, würde ich nur an „natürliche“ Personen, nicht an „juristische“ denken. Da wird ein Wort durch die „Genderung“ bedeutungsärmer. Was ist also damit zu tun? Ich weiß es nicht. (Ähnlich ergeht es mir z.B. beim Wort „Feinde“. Das sehe ich als geschlechtsneutral und auch als für Abstrakta  gültig an. Bei „Feind_innen“ denke ich eher an persönliche Konflikte und nicht an große Kriege. Grenzwertig sind männliche Abstrakta wie „Gesetzgeber“. Sollen wir zukünftig „das Gesetzgebende“ sagen?)

Hinsichtlich der Pronomen kann ich meine Meinung in drei Wörter zusammenfassen: Bitte nicht übertreiben!

In meinen Augen sind Formen wie „man“, „jemand“ und „niemand“ vollständig grammatisiert. Klar, sie hängen etymologisch mit „Mann“ zusammen, in meiner bescheidenen, subjektiven Meinung halte ich das nicht für problematisch. „niemand“ heißt „kein Mensch“ und nicht „kein Mann“. Sonst müsste es ja Sätze geben wie: „Das versteht niemand. Frauen verstehen das sehr wohl.“

Ich bekenne auch ehrlich, dass ich mich  schwer an Formen wie „jemenschem“ gewöhnen könnte. Nicht nur weil „jemensch“ für mich wie Synonym für „pro Person“ klingt.

Wie gesagt: Bitte nicht übertreiben.

Man könnte nämlich genauso gut auch umgekehrt fragen, ob es nicht eine sprachliche Diskriminierung ist, dass bei Beidnennung die Männer immer als zweites genannt werden: „Liebe Bürgerinnen und Bürger“.  Und ist es jemandem schon mal aufgefallen: Der weibliche Singular-Artikel „die“ stimmt mit dem geschlechtsneutralen Pluralartikel überein. Ist das nicht eine sprachliche Bevorzugung des Weiblichen? Und bei Verwendung der Gendergap findet sich viel häufiger die umgelautete, weibliche Form: „Köch_innen“ gibt es mehr als 900 mal bei Google, „Koch_innen“ nur einmal scherzhaft. Ist auch das etwa eine Bevorzugung der Frauen? Man könnte es behaupten, wenn man wollte. Aber ich glaube, es ist besser, manches einfach mal gut sein zu lassen. Sprache ist zu kompliziert. Es kann in ihr nicht jedes Fleckchen völlig gerecht gestaltet werden. Damit muss man (und frau) leben.

Schlussendlich noch mal zu Stil und Geschmack. Es gibt nun mal einen stilistischen Unterschied zwischen: „Jeder, der Steuern zahlt“ und „Jede_r, di:er Steuern zahlt“ Das ist in vielen Kontexten nicht weiter schlimm. Aber stellen wir uns doch für einen Moment mal vor ein großes Heer und halten eine Rede. Vielleicht sagen wir etwas in der Art: „Und jeder, der auf diesem Schlachtfeld steht, spürt in seinem Herzen den unbändigen Drang, mit all seiner Kraft gegen die Feinde der Freiheit…“ Und so weiter. Und so fort.

Und jetzt noch mal „gegendert“: „Und jede und jeder, die oder der auf diesem Schlachtfeld steht, spürt in ihrem oder in seinem Herzen den unbändigen Drang, mit all ihrer oder seiner Kraft gegen die Feinde der Freiheit…“

Das verlöre viel von Pathos und Sprachgewalt. („Umso besser“ kann man jetzt einwenden. Aber um den Sinn und Unsinn solcher Reden gehts mir gerade nicht.)

Dazu zwei Gedanken: Man muss Prioritäten setzen. Politik und gesellschaftliche Auseinandersetzung bestehen im Grunde genau daraus. Daher finde ich es legitim, zu sagen: „Stil und Eleganz geht vor geschlechtergerechter Sprache.“ Wenn die Mehrheit das anders sieht, wird das zu einer Minderheitenmeinung. Wenn die Mehrheit das genauso sieht, bleiben die „Geschlechtergerechten“ in der Minderheit. So funktioniert das nun mal.

Zum zweiten: Vielleicht findet sich auch in diesem Fall ein schönes Neutrum: „Jedes Menschenwesen, das auf diesem Schlachtfeld…“ Klingt doch auch hübsch, oder?

Zu guter Letzt will ich eine Frage stellen: Warum wird von mancher Seite eigentlich das „Böse-Patriarchalische“ in der Sprache mit aller Gewalt bekämpft, während „alles andere Böse“ in der Sprache fröhlich in Ruhe gelassen wird.

Dazu ein Beispiel. Neulich las ich „aus aller Damen und Herren Länder“. Zunächst war ich stutzig. Dann erkannte ich, dass das Sprachbild durch übereifriges Gendern ziemlich schief geworden war. Wer der „Herr eines Landes“ ist, ist klar. Aber wer oder was bitte ist die „Dame eines Landes“? Die First Lady? Das passende Äquivalent zum Herrn wäre hier „Herrscherin“ oder von mir aus auch „Herrin“ (auch wenn das natürlich andere Assoziationen weckt).

Aber: Warum stören sich offensichtlich Menschen daran, dass im der ursprünglichen Redewendung – „aus aller Herren Länder“ – nur Männer auftauchen, während sich ganz offensichtlich niemand daran stößt, dass das Bild nicht mehr passt, weil erfreulich viele Länder heute keine „Herren“ mehr haben, sondern gewählte Parlamente und Regierungen? Warum ist eine Wendung aus der patriarchalischen Vorzeit böse, während eine Phrase aus der aristokratischen Vergangenheit ungehemmt über aller Lippen geht?

Die „Herren aller Länder“ sind nicht alleine. In der politischen Berichterstattung finden sich heutzutage Metaphern wie „Königsmord“, „Vasallen“, „Hofstaat“, „Thronfolger“, „Krönungsmesse“ oder „Kronprinz“. Und niemand stört sich daran. Und niemand glaubt, dass durch die Verwendung solcher Sprachbilder Monarchie und Adelsherrschaft aus ihren Gräbern auferstehen könnten.

Und ich für meinen Teil glaube, dass genauso wenig das Patriarchat zu neuem Leben erwacht, wenn Menschen ungegenderte Texte produzieren. Sprache ist halt doch nur Sprache.

Virtualisierung statt Quoten

Die Quotendebatte ist wieder etwas abgeflaut. Zuletzt hatte vor allem die Piraten mit ihrem niedrigen Frauenanteil gehadert und Quoten diskutiert. Ein Diskussionsteilnehmer verstieg sich sogar zur Behauptung, Quoten seien der einzige Weg zu den Wohnstätten der Seligen.

Ich kenne viele Argumente gegen Quoten, aber ich verspüre keine Lust, sie alle zu referieren. Unter anderem, weil ich die Debatte etwas Leid bin und – wie so oft – nicht mit offenen Karten gespielt wird.

Vor allem aber, weil selten gesagt wird, worum es eigentlich geht, wo wir eigentlich hin wollen. „Geschlechtergerechtigkeit“ heißt es dann oft. Ja, gut, die mag man per Quote rein zahlenmäßig erreichen. Wenn mittels Quoten in 20 Jahren in sämtlichen Führungspositionen rund 50% Frauen und ca. 50% Männer sitzen, ist auf dem Papier Geschlechtergerechtigkeit erreicht. Ansonsten aber ist ziemlich wenig erreicht.

Wenn die Frauen so in die Vorstände kommen wie heute die meisten Männer, nämlich durch Ellenbogen und Seilschaften, und dann, wenn sie ihren Platz an der Spitze gesichert haben, genau das tun, was heute die Männer tun, nämlich Ihresgleichen protegieren und den Aufstieg aller anderen hintertreiben, ist gar nichts gewonnen.

Nein, Geschlechtergerechtigkeit ist kein Selbstzweck und darf kein Selbstzweck sein. Es geht um etwas Anderes, um etwas eigentlich ziemlich Simples: Es gilt, dafür zu sorgen, dass die richtigen Leute auf die richtigen Posten kommen.

Wenn dem so wäre, wäre das gut für das Funktionieren von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft und gut für die Glückseligkeit jedes und jeder Einzelnen, weil sie oder er sicher sein könnte, auf jeden Posten zu kommen, für den er oder sie geeignet ist. Das Stichwort lautet viel eher „Chancengerechtigkeit“.

Wenn damit also geklärt, wo wir hinwollen, müssen wir uns fragen: Wie gelangen wir da hin?

Ich meine – und jetzt werde ich küchenpsychologisch –, dass es dem Menschen äußerst schwer fällt, ein Gegenüber lediglich nach Kompetenz einzuschätzen. Das mag evolutionäre Gründe haben – Kompetenz abwägen dauert lange, äußere Merkmale (Hauptfarbe, Geschlecht und dergleichen) erfassen und Sympathie feststellen, geht schnell. Bei der Freund/Feind-Kennung geht Geschwindigkeit nun mal vor Gründlichkeit.

Wie gehen wir damit um?

Tja, wie wärs denn einfach, die Bedingungen zu ändern? Wenn ich von meinem Gegenüber weder Geschlecht noch Hauptfarbe noch Behinderungen noch sexuelle Orientierung noch Alter noch „Migrationshintergrund“ erkennen kann, kann ich auch nicht danach (vor)urteilen.

Nein, ich will nicht allen Menschen die Augen ausstechen und ich will auch nicht, dass wir alle in Ganzkörpertarnanzügen durch die Gegend laufen (wobei….).

Ich bin für Virtualisierung von Politik und Arbeit.

In Internetforen funktioniert das im Grunde prima: Man sieht vom Gegenüber Pseudonym, Avatar, Signatur und alle bislang geschriebenen Beiträge. Das heißt, ich sehe ein selbstgewähltes Identitätskonstrukt und Meriten. Ich kann den anderen nach dem einschätzen, wie er oder sie sich darstellt und was sie oder er geleistet hat. Diese Informationen reichen für eine Karriere: Nicht nur für das Erlangen von Sozialprestige und Ansehen innerhalb der jeweiligen Community, sondern auch für Handfestes: Vom User zum Moderator zum Admin.

Es klingt vielleicht komisch, aber warum können z.B. „outgesourcte“ Aufträge an Freelancer nicht genauso vergeben werden? An Auftragnehmer_innen ohne Gesicht und Namen, aber mit Referenzen und dokumentierten Kompetenzen.

Politische Willensbildung könnte genauso funktionieren: Pseudonyme und selbstgewählte Identitäten, Argumente und Stimmen. Echte Gesichter, Namen und Lebensläufe braucht es dazu nicht.

Politik und Wirtschaft lassen sich ohne Ansehen der Person organisieren.

Und damit ein Stück weit mehr Gerechtigkeit, das weder mit Quoten noch mit einer „InWoche“ erlangt werden kann.