Nicht auf Höhe der Debatte

Dass eine Bundesregierung ein vitales Interesse daran hat, loyalen Beamtennachwuchs heranzuziehen, ist vollkommen natürlich. Dieses Interesse schlägt sich selbstverständlich auch in der Auswahl des Lehrpersonals zukünftiger Funktionsträger nieder. Etwas anderes anzunehmen, wäre naiv. Somit muss man feststellen, dass Martin Wagener sicherlich nicht wegen seiner herausragenden fachlichen Kompetenz auf den Lehrstuhl für Internationale Politik an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung gelangt ist, sondern wegen seiner passenden politischen Gesinnung.

Behaupte ich zumindest mal.

In Wahrheit habe ich davon nur eine vage Ahnung*. Aber behaupten kann man viel und das tut genau in gezeigter Weise auch besagter Martin Wagener: Was auf den ersten Blick nach Argument und Erkenntnis aussieht, ist in Wahrheit nur dilettantisch getarnte Ätzkritik, hohle Polemik und Dogmatismus.

So jedenfalls in einem vorgestern in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (09.12.2013, Nr. 286, S. 7) unter dem Titel „Nicht auf Augenhöhe“ erschienen Beitrag.

Und dessen Stil hat mich aufgeregt.

Nicht so sehr der Sprachstil. Das ist ziemlich gewöhnliches Fachhochschulprofessorendeutsch. Das hat man schon weitaus schlimmer gelesen. Wer immer nur wissenschaftlich schreibt, kann sich eben nicht mit Journalist_innen und Bloger_innen messen. Sei’s drum.

Nein, ich meine den Argumentationsstil. Es gibt das nüchterne Unpersönliche. Texte, bei denen man hinterher gar nicht weiß, wo der Verfasser eigentlich steht; wo vor lauter Fakten die Meinung kaum zu sehen ist. Es gibt das ganz bewusst Subjektive. Kommentare, Essays und Blog-Posts. Da wissen die Lesenden, woran sie sind. Und leider gibt es noch etwas dazwischen und das kommt meist aus der rechten Ecke. Texte, die vorgeblich die einzig mögliche Ansicht verbreiten, manchmal recht geschickt ihre eklektische Argumentauswahl als die Trennung von Relevantem und Irrelevantem aussehen lassen, in Wahrheit aber nur eine Aussage haben: „Wir sind die Rechten. Wir haben Recht. Wer nicht denkt wie wir, ist dumm, naiv und rein ‚emotional bewegt‘.“

So denkt ganz offensichtlich Martin Wagener und von mir aus soll er auch so denken. Da werde ich ihn sicherlich auch nicht umstimmen können. Aber wenn er will, dass ich ihn als Diskussionspartner ernst nehme und nicht als gedungenen Meinungsknecht der Konservativen sehe, dann soll er ehrliche und offene Texte schreiben. Und nicht aus dem Hinterhalt seinen Gegner vorwerfen, was er selbst tut: emotional zu agieren. (Auf Seitenhiebe wie etwa den gegen Sozialpolitik gehe ich gar nicht erst ein.) Wenn er die Linke pauschal und begründungslos unter die unseriösen Parteien rechnet, verächtlich das „deutsche Bauchgefühl“ verspottet, den Gegner „hyperventilierend[es]“ Getue unterstellt, Gregor Gysis in einer „sicherheitspolitischen Phantasiewelt“ sieht und sich dann selbst zugutehält „die Debatte [zu] versachlichen“, ist das an Bigotterie kaum zu überbieten.

Kommen wir endlich zum Inhalt.

Wagener stellt zunächst drei Fragen, die er zu den „wichtigen Aspekten“ zählt. Seine erste: „Was genau können die amerikanischen Nachrichtendienste eigentlich?“

Er beantwortet das mit – grob paraphrasiert – „Man weiß es nicht so genau, aber man sollte nicht vorschnell alles glauben.“

Das mag die richtige Antwort auf eine falsche Frage sein.

Es ist nicht die Frage, was die NSA und andere überhaupt können. Es ist die Frage, was sie dürfen. Wenn sie das, was jetzt angenommen und diskutiert wird, gar nicht können – umso besser. Aber ich würde gerne – ja nennt mich naiv – in einer Welt leben, in der sämtliche staatliche Behörden so reglementiert und kontrolliert sind, dass sie keine milliardenfachen Grundrechtseingriffe vornehmen. Ob sie technisch dazu in der Lage wären, spielt keine Rolle.

Dann fragt Wagener, ob all das (was man eh nicht so recht weiß) überhaupt überraschend sei. Seine wenig überraschende Antwort: nein. Die USA seien die Hegemonialmacht, die setze sich nun mal über Recht und Gesetz hinweg und tue alles, was in ihrem Interesse liegt.

Dann frage ich Sie mal, Herr Wagener: Warum hat George Bush eigentlich keine Atombomben auf Afghanistan und den Irak geworfen? Das wäre effektiver, einfacher und schneller gewesen, hätte womöglich keinen einzigen Tropfen amerikanisches Blut gekostet und die beiden „Schurkenstaaten“ wären beseitigt gewesen. Also warum hat er das nicht getan?

Ich kann nicht in Bushs Kopf sehen. Ja, es mögen auch sicherheitsstrategische Überlegungen eine Rolle gespielt haben, aber größtenteils sehe ich die Antwort in einem Wort, das ihr Konservativen so gerne in den Mund nehmt: Werte. Ganz offensichtlich gelten auch für einen Georg Bush Tausende Menschenleben noch etwas. Ganz offensichtlich ist er so sozialisiert worden, dass man Millionen Unbeteiligter nicht einfach abschlachtet, wenn man die Möglichkeit dazu hat. Auch als Hegemonialmacht nicht.

Überrascht Sie das, Herr Wagener?

Mich nur bedingt. Mich überrascht und erschreckt auf der anderen Seite immer wieder, wie weit sich die verschiedenen US-Regierungen, die ja ganz offensichtlich doch gewisse humanitäre Grundsätze akzeptieren, von dem entfernt haben, was man den „westlichen Wertekanon“ nennt: Sie foltern, sie führen Angriffskriege, ignorieren Völkerrecht. Und sie spionieren uns alle aus.

Woran liegt das: Warum werfen US-Regierungen keine Atombomben ab, während sie Schuldige und Unschuldige ohne jede Achtung rechtsstaatlicher Prinzipien jahrelang in einem Militärgefängnis gefangen halten und speichern (wollen), was jeder Mensch zu jeder Zeit an jedem Ort gesagt und getan hat?

Es liegt eben daran, dass die Werte unterschiedlich stark verankert sind. Millionen Menschenleben sind ihnen etwas wert, Milliarden Privatsphären nicht. Und unter anderem deswegen führen wir diese Diskussion: Mit jedem Debattenbeitrag werden die Werte verschoben. Nicht messbar, aber in der Summe wirksam.

Doch fürs Grundsätzliche hat Wagener keinen Blick. Er denkt pragmatisch. Seine dritte Frage: „Über welche realistischen Handlungsoptionen verfügt die Bundesregierung in der NSA-Affäre?“

Wagener diskutiert drei Optionen: Abgrenzung, Aufrüstung und Durchwursteln.

Mit Abgrenzung meint Wagener nur vorsichtige Abgrenzung. Für Wagener wäre es der „schlimmste Fall“, wenn die USA ihre Truppen aus Deutschland abzögen und uns ihren „nuklearen Schutzschirm“ für Deutschland aufkündigen würden. Dass deutsche Panzer übermorgen zusammen mit französischen, russischen und chinesischen vor dem Weißen Haus stehen könnten, ist für ihn anscheinend völlig undenkbar. Bündnisse können sich sehr schnell ändern. Das lehrt nicht zuletzt die Geschichte. Und für die Entscheidung darüber, wer unsere Verbündeten in nächster Zeit sein sollten und wer nicht, ist die Frage, wer wie mit unserer Freiheit und Privatsphäre umgeht, von großer Bedeutung. Ich will keinen Dritten Weltkrieg. Aber entschlossenes europäisches Handeln – geeint durch einen gemeinsamen Feind – könnte viel ändern und Hegemonial-Zustände schneller ändern, als es sich so mancher vorstellen kann.

Für Wagener alles offensichtlich undenkbar. Von Phantasie, Weitsucht oder auch nur einem Gespür für die Diskussion zeugt sein Beitrag keineswegs. Seine Axiome verraten nichts als Dogmatismus.

„Da die Fähigkeiten der Bundeswehr wie auch jene des Bundesnachrichtendienstes begrenzt sind, muss sie auf ausgleichende Maßnahmen der Vereinigten Staaten setzen.“

Warum denn? Welche „ausgleichenden Maßnahmen“? Und warum gerade die der Vereinigten Staaten? Und wofür brauchen wir den BND überhaupt?

Dass heutzutage munter lebhaft über die Existenzberechtigung von Geheimdiensten diskutiert wird, geht an Wagener völlig vorbei. Sein einziger Lösungsansatz in der Sicherheitspolitik: „mehr von allem“!

Dementsprechend wenig überraschend seine zweite Option für die Bundesregierung. Sie lässt sich etwa so beschreiben: Deutschland rüstet „sicherheitspolitisch“ kräftig auf (das will Wagener eh), ist dann – zumindest annähernd – auf Augenhöhe mit den USA und handelt dann folgenden Deal aus: „Ihr hört auf, unsere Regierung zu überwachen. Dafür helfen wir euch, den Rest der Welt zu auszuspionieren.“

Das wenige, was für uns in Wageners Denken noch unklar war, offenbart sich jetzt: Überwachung ist für ihn gar kein Problem. Privatsphäre, Freiheitsrechte, informationelle Selbstbestimmung aller Menschen finden in seiner Argumentation nicht statt. Weder am Anfang, als er „drei Diskursstränge“ (Entsetzen, Aufklärung, Konsequenzen) ausmachen will, noch in seinen Schlussfolgerungen. Am Ende nämlich verleiht er seiner Hoffnung Ausdruck, die US-Regierung möge die richtigen Konsequenzen ziehen:

„Dazu sollten gehören: Zeigt mehr Respekt für befreundete Nationen! Sorgt dafür, dass Geheimnisse solche bleiben! Verhindert, dass Verbündete durch Geheimnisverrat vorgeführt werden! Und managt die nächste Krise etwas weniger dilettantisch!“

„Mehr Respekt!“, nicht etwa: „Hört endlich auf damit, alles und jeden zu überwachen!“ Und damit nicht genug des Zynismus. Der Rest lässt sich etwa so wiedergeben: „Ja, natürlich dürft ihr überwachen (Bitte, bitte, bitte lasst uns mitmachen!), aber tut das bitte so, dass es niemand mitbekommt! Sonst gibt es nur eine unnötige Unruhe unter den Schäfchen!“

Wagener formuliert am Ende noch ein paar Forderungen: mehr Geld für Bundeswehr und Nachrichtendienst, keine Zivilklausen an Universitäten und dergleichen mehr.

Fragt sich nur: Wofür eigentlich? Wofür brauchen wir denn, Herr Wagener, diese Sicherheitsarchitektur, wenn sie zum Schutz der Bürger_innen unseres Landes vor dem Eindringen fremder Mächte und zur Verteidigung der deutschen Sicherheit gar nicht dient? Wenn die Feinde unserer Freiheit munter ihre Truppen bei uns stationieren dürfen und es in Ihren Augen der „schlimmste Fall“ wäre, wenn sie damit aufhören, wofür bitte brauche ich dann einen Sicherheitsapparat? Wenn die nur zusehen, wenn ich angegriffen werde? Und das werde ich. Digital tagtäglich.

Aber in Ihren Augen, Herr Wagener, dienen alle „Sicherheitsbehörden“ ja nur den Interessen der Regierung. Und nicht den der Bürger. Alles andere ist ja naiv, emotional, hyperventilierend, Phantasie.

* Zur Lektüre empfohlen: Werner Schmidt-Hieber, Ämterpatronage in Verwaltung und Justiz, in: Korruption. Netzwerke in Politik, Ämtern und Wirtschaft, hg. von Hans Herbert von Arnim (München 2003) S. 84-95.

Wahlcomputer gehen

„Wahlcomputer gehen nicht. Das kann man nicht oft genug sagen. Es geht nicht. Geheime Abstimmungen über das Internet, über Computer, sie sind nicht möglich.“

schrieb jüngst Christopher Lauer.
Argumente bringt er an dieser Stelle keine, ich bin aber sicher, dass er welche hat.

Bevor aber ins Einzelne geht, muss man sich klar machen, welchen Ansprüchen ein demokratischer Wahlablauf genügen muss. Es ist im Grunde nur einer: geringstmögliche Manipulierbarkeit. Und zwar zum einen gegenüber dem Staat als Wahlorganisator, das wird durch größtmöglichste Transparenz erreicht, und zum anderen gegenüber Manipulation von außen. Dazu braucht es gewisse Sicherheitsmechanismen.

Die heutige „Papierwahl“ genügt diesen Maßstäben auf folgende Weise: Ich sehe, dass mein Wahlzettel in einer Urne landet, ich kann später die Öffnung der Urne und die Auszählung der Zettel beobachten. Der Wahlleiter veröffentlicht hiernach die Ergebnisse aller Wahllokale, das heißt, ich kann nachrechnen, ob man sich nicht absichtlich oder unabsichtlich bei der Addition der Stimmen vertan hat. Allerdings ist die Papierwahl manipulierbar. Urnen können ausgetauscht werden. Wenn keine Beobachter da sind (was die Regel sein dürfte), können die Helferinnen und Helfer machen, was sie wollen. Freunde schlechter Filme können sich gar folgendes Szenario ausmalen: Lautlos wird der Fußboden angebohrt, die Urne von unten her angesägt, geöffnet und die mit genehmen Stimmzetteln aufgefüllt. Wenn man dies alles allerdings im großen Stil betreiben wollte, wäre der Aufwand gigantisch. Hunderte Urnen müssten ausgetauscht, dutzende Wahlhelferteams bestochen und zig Ergebnislisten gefälscht werden, um das Resultat einer Bundestagswahl zu beeinflussen. Und in der Tat scheint unsere Wahlorganisation ja zu funktionieren. Die Zahl der Skandälchen um Wahlen hält sich hierzulande schwer in Grenzen, auch die OSZE hatte 2009 nichts zu meckern.

Wie sieht es nun mit elektronischer Wahl aus? Vorweg gesagt: Ich rede von Wahlen übers Internet, nicht von Wahlcomputern in Wahllokalen. Letztere wären eine völlig ungeeignete und sinnfreie Zwischenstufe. Für Menschen, die keinen Internetzugang haben oder nicht bedienen können, fände sich eine Lösung. Schon heute können Sehbehinderte eine Person zur Hilfe mit in die Wahlkabine nehmen. Computeranalphabeten könnte ähnlich geholfen werden.

Das Prinzip wäre einfach: Jede Wählerin und jeder Wähler authentisiert sich (z.B. über den elektronischen Personalausweis, über Fingerabdruckscan oder worüber auch immer), bekommt Zugang zur Wahl, gibt die Stimme ab. Das System speichert, wer abgestimmt hat und was abgestimmt wurde, aber nicht, wer wie abgestimmt hat.

Genügt nun eine solche Wahl übers Internet den Ansprüchen Transparenz und Nicht-Manipulierbarkeit? Die Onlineumfragesoftware, die z.B. eine Boulevardzeitung einsetzt, sicher nicht. Aber es wäre ein solches System denkbar.

Transparenz kann auch für alles Elektronische hergestellt werden – zumindest gegenüber Leuten, die sich damit auskennen. Der Quellcode der Abstimmungssoftware müsste offengelegt werden. Natürlich schon Monate vor der Wahl. Die Wahlserver dürften nur mit Open-Source-Betriebsystemen und -Programmen bestückt werden. Das Aufsetzen aller beteiligten Computer und das Compilen der Abstimmungssoftware müsste vor den Augen der Öffentlichkeit stattfinden. Im Serverraum müssten Kameras stehen, deren Bild jeder verfolgen kann. Jeder müsste Lesezugriff auf das komplette Servernetzwerk bekommen. So kann mit sichergestellt werden, dass die IT nichts tut, was sie nicht soll, dass nirgendwo eine versteckte CDU-Funktion enthalten ist, die den Schwarzen heimlich mehr Stimmen zuschustert.

Das größere Problem dürfte der Schutz vor Manipulationen von außen sein. Ich klammere client-seitigen Problemen aus, weil dafür jeder Computerbesitzer selbst verantwortlich ist. Genauso wie es (theoretisch) Sache aller Wähler ist, den eigenen Briefkasten so zu schützen, dass niemand Briefwahlunterlagen abfangen kann.

Ich bin kein IT-Sicherheitspezialist und kann gewiss nicht skizzieren, wie ein bombensicheres Abstimmsystem aussehen könnte. Aber ich bin zuversichtlich, dass es machbar wäre. Letztlich vertraut die westliche Welt ihren ganzen Wohlstand Computern an. Nicht nur die Börse, auch der komplette Warenverkehr läuft elektronisch. Wenn morgen der ganz große Angriff käme, könnte ich übermorgen vielleicht nichts mehr einkaufen, weil der Supermarkt nicht mehr beliefert wird. Die Gefahr besteht. In den Augen der einen abstrakter, in den Augen der anderen realer. Aber sie bringt uns nicht dazu, unser Leben mit Stift und Papier zu organisieren.

Der große Unterschied zwischen Papier- und Computerwahl ist: Ein unbemerktes Eindringen in eine Wahlurne verfälscht ein paar hundert Stimmen, ein Eindringen in ein Computersystem alle Stimmen. Und hier müsste man ansetzen. Wenn Ergebnisse, schon nachdem frühmorgens die ersten elektronischen Wahlzettel eintrudeln, in Echtzeit in alle Welt gestreamt werden, fiele es auf, wenn gegen 15 Uhr, wenn auch die Kriminellen wach sind, mit einem Schlag Millionen Stimmen für die NPD verbucht werden.

(Exkurs: Zur Zeit ist es verboten, dass am Wahltag schon Zahlen vor Schließung der Wahllokale veröffentlicht werden. Das hat allerdings den Hintergrund, dass es sich dabei um Wahlprognosen handeln würde. Und die sind immer unsicher und von den Instituten manipulierbar. Es könnte mithin durch absichtlich gefälschte Prognosen das Wahlverhalten böswillig beeinflusst werden. Ein Zwischenergebnis kann aber nie falsch und nie böswillig sein.)

Das hieße: Man würde Manipulationen zumindest sehen und könnte die Abstimmung wiederholen, nachdem Lecks und Bugs im Quellcode beseitigt sind. Wenns drei oder vier Mal schief geht, bliebe die Rückkehr zum Papier. Es könnte aber auch funktionieren. Vielleicht schon beim ersten Versuch.

Ich bin optimistisch.

Freiheit bringt Innovationsdruck – Konstruktives zum Urheberrecht

Diskussion um das Urheberrecht, die momentan nach der ACTA-Ablehnung und das spanische Zensur-Gesetz wieder Fahrt aufnimmt, ist von Polemik, Unsachlichkeiten, „Shitstorms“ gekennzeichnet. Emotional, mit fragwürdigen Analogien und manchmal auch mit gemeinen Unterstellen wird allzu oft gearbeitet. Zugegeben: Manchmal hat man auch gute Lust, mit dem verbalen Hammer auf die Gegenseite einzudreschen. Das hält zwar die Diskussion am Leben, führt jedoch zu nichts. Deshalb versuche ich mich mal an etwas Seltenem: einem konstruktiven Beitrag.

Seit jeher besteht die Konkurrenz zwischen den Verwertungskonzernen in der Frage des Angebots. Wer den populäreren Film oder das beliebtere Buch im Angebot hat, verdient mehr. Das heißt, die Verwerter verwenden einen Großteil ihrer Energie darauf, potenziell verkaufsträchtige Werke aufzuspüren und zu lizensieren. Dem gegenüber eher sekundär ist der Aufbau effizienter Vertriebswege und die übersichtliche Aufbereitung und Durchsuchbarmachung des Portfolios für die Kunden. Werbung dagegen ist wichtig. Ihre Botschaft lautet im Grunde stets: „Diese Ware ist super! Kauft es bei uns!“

Nehmen wir nun mal an, das Urheberrecht würde dahingehend modifiziert, dass jeder Verwerter alles verwerten dürfte, solange er die Urheber prozentual an seinem Gewinn beteiligt.

Der Einfachheit halber betrachten wir lediglich die möglichen Auswirkungen auf den Vertrieb von Filmen über das Internet. Cum grano salis ließen sich die Überlegungen sicherlich auf andere Bereiche übertragen.

Wenn ich heute einen Film sehen will, schaue ich zuerst auf videoload.de (Nein, ich bekomme kein Geld für Schleichwerbung.) Wenn es den Film dort online zu kaufen gibt, kaufe ich ihn dort. Warum? Nicht unbedingt, weil ich ein allzu schlechtes Gewissen hätte, wenn ich auf illegale Streaming-Angebote auswiche, sondern eher wegen des besseren Service: Es gibt dort keine künstlichen Wartezeiten, man will mir keine Schadsoftware als „Player“ unterjubeln, ich bekomme die Sprachversion, die ich will, der Stream läuft im Allgemeinen schnell und stabil, die Bildqualität ist wesentlich besser. Dafür bin ich bereit, zwischen (momentan) 2 und 4 Euro zu bezahlen. Leider ist das Angebot von Videoload sehr klein. Bei anderen legalen Streaming-Anbietern in Deutschland ist das nicht besser. Von der oben angedachten Liberalisierung des Urheberrechts würden diese Portale mithin nur profitieren. Nicht nur ich, sondern auch viele andere würden weitaus häufiger kostenpflichtige Filmdienste nutzen. Vermutlich würde die momentan sehr bescheidene Zahl solcher Angebote schnell wachsen. Und jeder hätte bald alles. Das heißt die Konkurrenz würde sich von der Frage des Angebots auf die Frage der Zugänglichkeit des Angebots verlagern. Die Arbeitszeit und die Energie, die momentan dafür aufgewendet wird, mit den Produzenten über Lizenzen zu verhandeln, könnte dahin transferiert werden, wohin sie allen Beteiligten nützt. Wer die bessere Bildqualität, die zuverlässigste Verbindung und das bequemste Bezahlverfahren hat, gewinnt.

Aber nicht nur das.

Das Filmangebot der Welt ist unübersehbar. Es ist für jeden Geschmack ist etwas dabei – man muss es nur finden. Und hier lassen einen die – legalen wie illegalen – Portale im Regen stehen. Bestenfalls kann man nach Genre, nach den Beteiligten und nach Produktionsjahr suchen. In einer Konkurrenzsituation, in der die Anbieter die Mitbewerber nicht mehr über das bessere Angebot ausstechen könnten, entstünde ein Innovationsdruck. Die Filmverwerter müssten eine Möglichkeit entwickeln, aus der unübersehbaren Filmflut jeder Kundin und jedem Kunden das zu geben, was er oder sie will. Das funktioniert heute bestenfalls über „Kunden, die Film A gesehen haben, wollten auch Film B sehen.“ Jeder weiß, dass das mäßig gute Empfehlungen generiert. Es müsste eine Software entwickelt werden, die einen Film in seiner Tiefe erfassen kann. Die komplexe sprachliche Suchanfragen verarbeiten könnte. Ich wünsche mir eine Filmsuche, die mir etwa auf folgende Anfrage ein sinnvolles Ergebnis liefert: „Gib mir einen Film mit der Story von ‚Anderland‘, dem Look von ‚Matrix‘ und einer Nuance Morbidität wie in ‚Interview mit einem Vampir‘, aber höchstens 110 Minuten lang!“

Das alleine reicht natürlich nicht. Ich könnte ja den so gefundenen Film auch woanders kaufen. Aber wenn dazu Preis und Bedienbarkeit stimmen, hätte das Portal einen zufriedenen Kunden mehr. Die Werbung würde so aussehen: „Wir haben genauso wie die Konkurrenz alles! Aber: Bei uns finden Sie am schnellsten, was Sie wollen, und sehen es am bequemsten!“

Was wir bis jetzt unterschlagen ist, ist die Sicht der Künstler und Produzenten. Aber auch hier sehe ich keine Probleme. Im Gegenteil: Die großen Filme wären noch präsenter, als sie es ohnehin schon sind. Nein, um die Großen müsste man sich wohl keine Sorgen machen. Aber auch und gerade Nischenkünstler würden profitieren. Ein Film, der nur drei Leuten auf der Welt gefällt, hätte viel größere Chancen als heute, diese drei Leute auch zu erreichen. Das potenziell Publikum wüchse und damit die Wahrscheinlichkeit, von den Nischenliebhabern entdeckt zu werden.

Und: Welcher Künstler träumt nicht davon, ein Werk zu schaffen, auf das die Menschheit gewartet hat, dass der Welt bis jetzt fehlte. Wenn endlich Zeit und Geld dafür verwendet wird, eine „Tiefensuche“ für Kunstwerke zu entwickeln, käme jeder Künstler diesem Ziel einen Schritt näher: Wenn die Portale ihre Suchanfragen offenlegen, kann er Einsichten gewinnen, was die Leute suchen und nicht finden.

Mithin: Eine Win-Win-Win-Situation: Künstler erreichen mehr Menschen, werden bekannter und verdienen mehr Geld, die Verwerter generieren zu den verwerteten Werken endlich einen Mehrwert und verdienen dafür zurecht Geld und die Kunden sehen genau die Produkte, die sie haben wollen, auf die schnellste und bequemste Weise

Den illegalen Anbieter würde das Wasser abgegraben. Sie könnten dem Druck, schnelle Server zu betreiben und intelligenter Suchalgorithmen zu implementieren, wohl wenig entgegensetzen.

Wer hätte verloren? Die Rechtsabteilungen der Konzerne. Für die gäbe es keine Lizenzen mehr auszuhandeln. Aber um ehrlich zu sein: Das finde ich nicht schade.

Mit welchem Prozentsatz müsste ein Streaming-Anbieter die Produzenten am Gewinn beteiligten? Und gälte für jeden Film der gleiche Prozentsatz – oder für den Blockbuster mehr? Wie würde man das abwickeln? Wer kontrolliert, dass alles ordnungsgemäß abläuft? Das sind Fragen, die gestellt werden müssen, auf die ich noch keine Antwort habe. Aber ich bin mir sehr sicher, dass sich da Lösungen fänden. Wenn der Wille der Beteiligten da wäre, eine Lösung zu finden, von der alle profitieren.

Und an dieser Stelle endet die Vision. Gewiss müsste ich jetzt erörtern, wo denn Analogien und Unterschiede zum Buchhandel bestehen (wo auch jeder alles verkaufen darf), mich mit den Argumenten der Buchpreis-Bindungs-Befürworter auseinandersetzen. Müsste aufdröseln, wie mein Vorschlag die Position der eigentlich Kreativen gegenüber den Produzenten und Studio-Chefs, die ich hier in einem Topf geworfen habe, verändern würde etc. Aber das tue ich nicht. Konstruktiv sind meine Gedanken hoffentlich trotzdem.

Grundlagen der Bashologie

„Traue keine Zitat, das du im Internet gelesen hast!“ – Abraham Lincoln

„So ein Quatsch. Das Zitat ist von Elvis Presley! Hab ich im Internet gelesen.“

Manche Mitmach-Seiten erfordern aufmerksame Seitenbetreiber. Wer auf Nutzer-Einsendungen lustiger Dialoge angewiesen ist, wie die Betreiber von smsvongesternnacht.de oder webfail.at, sollte wissen, dass so manches Male ein Kuckucksei unter den Einsendungen ist. Seit geraumer Zeit ist es üblich, lustige Mails, witzige SMS-Dialoge und schlagfertige Chat-Gespräche auf Seiten zu sammeln und dem Internetvolk zur Belustigung vorzulegen. Doch die bekömmlich-leichte Kost wird durch das ein oder andere Haar in der Suppe verdrießlich gemacht, wenn man das komische Gefühl bekommt: „Das kenn ich doch irgendwoher.“

Ein Beispiel: Zwei Menschen kommunizieren. Der eine macht ein Liebesgeständnis, die andere sagt: „Oh, dass du dasselbe fühlst wie ich! Wie toll! Ich liebe dich auch!“, daraufhin der erste: „Upps. Verwechselst. War nicht an dich.“ (So gesehen auf http://de.webfail.at/image/ich-liebe-dich-zu-sehr-facebook-chat-fail.html und http://www.smsvongesternnacht.de/sms60370. Es gab auch noch ein drittes Zitat, das ich jetzt nicht mehr finde. Das hier geht in eine ähnliche Richtung: http://www.smsvongesternnacht.de/sms32049)

Zufall? Vielleicht.

Aber es geht noch eindeutiger:

<Gina> Ich Sitze gerade in Unterwäsche vor dem Pc
<Gina> Was machst du, süsser?
<Moock> Hab mir gerade voll den fetten Popel aus der Nase gezogen <Gina> iiih, warum erzählst du so ecklige sachen?
<Moock> du hast doch angefangen!

So zu lesen auf germanbash.de de seit 2009. Und seit kurzer Zeit in fast denselben Worten auch auf webfail.at. Zufall? Wohl eher nicht.

Es gibt noch viele solcher Beispiele, gerne findet sich das auch auf Twitter, auf StudiVZ (Die Älteren erinnern sich) waren viele Gruppen nach germanbash.de-Zitaten benannt. Aber ich fürchte, es hat sich noch niemand Gedanken über dieses Phänomen gemacht. Es wird Zeit, dass hier wissenschaftlich zu Werke gegangen wird. Da ich, ohne dazu bereits Studien durchgefüht zu haben, bash.org als „Mutter“ aller „Witze-Zitate-und-Steitgespräche“-Seite ansehe, gebe ich der Wissenschaft den Namen: Bashologie.

Die erste Erkenntnis unserer gerade aus der Taufe gehobenen Forschungsdisziplin ist, dass angeblich „nutzergenerierte“ Textschnipsel nicht authentisch Erlebtes, historisch Verbürgtes, Originelles oder Neu darstellen müssen, sondern oft gängigen Mustern folgen, nach Vorbildern erstellt werden, Vorlagen nur modifizieren oder schlicht kopiert sind.

Aber warum ist das so?

Nach jahrelanger, bislang undokumentierter bashologischer Feldforschung ist mir soeben auf der Toilette der Grund eingefallen: Die Textschnipsel, Mail-Ausrisse, SMSen, die uns erheitern sollen, sind keine „Erlebnisprotokolle“, sondern Witze. Witze werden ständig angepasst, man spricht dann von „Wanderwitzen“. Witze können nicht gefälscht sein, Witze wollen lustig, boshaft, manchmal auch subversiv sein, behaupten aber nie, wiederzugeben, was geschehen ist.

Heißt das, alles, was wir an Geschichten, Kurznachrichten, Chat-Protokolle oder Mails auf entsprechenden Seiten im Netz lesen, ist nie passiert, nur gut erfunden, obwohl es uns doch so realistisch vorkommt, obwohl sich vielleicht sogar ehrbare Netzbürger für die Echtheit verbürgen? Wohl kaum. Die Erklärung ist viel eher, dass das Web seinen Humor aus dem Geschehen speist. Das Netz wird mit lustigen Erlebnissen, pointierten Gesprächen und lachhaften Anekdoten gefüttert und saugt sie auf. Was aber einmal im Internet ist, darf angepasst, adaptiert, kopiert und weiterverbreitet werden – wird unterwegs vielleicht lustiger, verliert aber seine Authentizität. Es wird – eben – ein Witz.

Seitenbetreiber sollten also aufpassen: nicht darauf, ob ihnen „gefälschtes Material“ untergeschoben wird, sondern ob sie allzu alte Witze veröffentlichen. Denn Altes und Langweiliges interessiert bestenfalls Menschen, die sich einer abseitigen Nischenwissenschaft verschrieben haben: Willkommen in der Bashologie!