„Diskriminierend“ oder „nicht-diskriminierend“ – das ist nicht die Frage.

Wikipedia definiert „Diskriminierung“ wie folgt:

Diskriminierung bezeichnet eine gruppenspezifische Benachteiligung oder Herabwürdigung von Gruppen oder einzelnen Personen.

Diskriminierung gibt es in (nahezu) allen Bereichen menschlichen Zusammenlebens. Ich will jetzt nur zu einem etwas schreiben: die Sprache.

Zu diesem Thema ist schon ziemlich viel digitale und analoge Tinte vergossen worden, aber ich habe bei dem, was ich dazu gelesen habe, den Eindruck, dass noch nicht alles gesagt ist. Der Kern des Problems ist meines Erachtens noch nicht erkannt.

Das punctum saliens ist keineswegs die Frage: „Ist dieses oder jenes sprachliche Phänomen diskriminierend?“ oder „Wer bestimmt eigentlich, was diskriminierend ist und was nicht?“

Nehmen wir ein Beispiel: „Mohrenkopf“. Platt ausgedrückt ist die Logik des Wortes folgende: „Diese süßen Dinger sind dunkelbraun. Es gibt Menschen, die sind auch dunkelbraun, also nennen wir das Gebäck nach den Menschen.“

(Klammer auf. Vielleicht ist die Logik auch eine andere: Schauen wir uns das Objekt selbst doch einmal näher an. Unter einer Schicht aus zumeist dunkelbrauner Schokolade verbirgt sich ein Kern aus Zuckerschaum. Und der ist weiß. Hat schon mal jemand darüber nachgedacht, dass dem Wort „Mohrenkopf“ folgender Gedanke zugrunde liegen könnte: „Dieses Gebäck ist außen braun und innen weiß. Das ist genauso wie mit dem Mohren. Die haben zwar eine dunkle Haut, aber unter dieser dünnen Schicht sind sie genau dasselbe wie wir. Nämlich weiß.“ Wenn das aber so (gewesen) wäre, müsste man sich fragen, ob dieser Gedanke völkerverbindend und undiskriminierend wäre (Motto: „Alle Menschen sind gleich!“) oder gerade besonders diskriminierend, weil in dieser Benennung Weiß-Sein zur Norm erhoben würde. Aber ich glaube selbst nicht recht, dass das der Gedanke ist, der zur Wortbildung „Mohrenkopf“ führte. Daher: Klammer zu.)

Das Worte wäre nicht viel besser, wenn es „Dunkelhäutigenkopf“ oder Ähnliches hieße. Aber der Bestandteil „Mohr“ macht es natürlich nur umso schlimmer. (Man  kann sich natürlich fragen, ob die diskriminierende Komponente irgendwann in Vergessenheit geraten kann. „Mohr“ ist nicht mehr allzu gebräuchlich und ich lernte als Kind definitiv früher, was ein „Mohrenkopf“ ist, als, was ein „Mohr“ ist.)

Also weg mit dem Wort.

Aber ist es damit getan?

Nein.

Und damit meine ich nicht, dass die Alternative, die sich die Werbeindustrie ausgedacht hat, einfach nur schrecklich ist: „Schokokuss“? Im Ernst? Die glauben, ich nenn die Dinger „Schokokuss“? Könnte man nicht wenigstens, analog zum „Salatkopf“ den Kopf behalten? Schaumkopf wäre erträglicher.*

Nein, das Problem ist: Wir als Sprachgemeinschaft können gar nicht auf alle Wörter verzichten, die diskriminierend sind.

Mein Lieblingsbeispiel ist das Wort „Scheiße“. Man gebraucht es gerne als Fluch oder Kraftausdruck. Das ist niedrigstes Sprachniveau, gewiss. Aber dieses gängige Wörtchen gilt – zumindest meines Wissens – nicht als diskriminierend oder ausgrenzend gegenüber gewissen Minderheiten.

Dabei sollte es das — dächte man an unsere koprophilen Mitbürger_innen.

Ja, genau an die. Die hatte im Zusammenhang mit diskriminierender Sprache bislang nämlich niemand auf dem Schirm.

Unter Koprophilie versteht man laut Wikipedia „den sexuellen Lustgewinn durch menschlichen Kot bzw. dessen Ausscheidung“.

Könnte es nicht sein, dass Menschen sich diskriminiert und beleidigt fühlen, wenn das, was ihnen höchste Lust verschafft, als Synonym schlechthin für alles Negative in der Welt gilt? Wenn ihr Fetische zum Fluch benutzt wird?

Ich kann mir das schon vorstellen.

Trotzdem fordert kein Mensch (auch ich nicht), auf das Wort „Scheiße“ zu verzichten.

Und warum? Weil das Wort unter dem liegt, was ich als „Diskriminierungsschwelle“ bezeichnen will. Es mag sein, dass sich eine Minderheit von einem Wort und seinem Gebrauch beleidigt fühlt. Aber, da muss man ehrlich sein, diese Minderheit hat dann halt Pech gehabt.

Eine Sprachgemeinschaft kann genauso wenig wie jede menschliche Gesellschaft immer überall und in jedem Fall auf die Belange aller Einzelnen eingehen und Rücksicht nehmen. Das funktioniert in meinen Augen nicht.

Die Frage darf also nicht sein: „Ist dieses Wort diskriminierend?“, sondern „Liegt es über der Diskriminierungsschwelle?“

Nochmal: Wir können nicht auf alle Rücksicht nehmen und auf wen wir Rücksicht nehmen, muss in einer Gesellschaft ständig neu verhandelt werden. Und das sollte in meinen Augen offen und ehrlich passieren.

Ein Kriterium und wichtiges Argument wäre sicherlich: Liegt im fraglichen Wort nur eine möglicherweise gar nicht intendierte Bedeutungsnuance vor, die diskriminierend verstanden werden könnte? (Wie im Beispiel „Scheiße“) Oder liegt einem Wort ein Gedanke zugrunde, der sich in mehr äußerst als nur in diesem einen Wort, der Ausgrenzung  und Diskriminierung einschließt und befördert? Genau darin liegt ja das Problem vom „Mohrenkopf“: Es gibt leider, leider Rassismus. Und der ist alles andere als harmlos.

Die Koprophilen haben demgegenüber wohl das bessere Los erwischt und müssen nunmal mit der Scheiße leben. (Pun intended.)

Es macht einen Unterschied, ob sich in einem Wort ein Irrsinn widerspiegelt, der viele Menschenleben gekostet hat und noch immer kostet. Dann müssen wir es verbannen.

Aber es geht nicht darum, alles aus der Sprache zu fegen, was irgendwie, irgendwann gegen irgendwann als diskriminierend angesehen werden könnte. Das geht nicht. Das funktioniert nicht.

Es geht darum, ehrlich darüber zu diskutieren, was als problematisch angesehen wird und was nicht.

Es gibt genügend diskriminierende Wörter unterhalb der Diskriminierungsschwelle. Dazu sollte eine Gesellschaft stehen. Damit sollte sie ehrlich umgehen und die Gründe benennen, warum das eine aus dem Sprachschatz gefegt werden soll und das andere nicht.

Denn für eine Gesellschaft gilt: Du bist, was du (nicht) diskriminierst.

* Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich hänge ästhetisch überhaupt nicht am Wort „Mohrenkopf“. Mich erinnert es schon immer zu sehr an „Mohrrübe“. Die mag ich zwar auch, aber es ist einfach etwas völlig Anderes.
Aber wenn man schon eines Wort kreieren muss, könnte es wenigstens ein brauchbares sein. Und da ist alles besser als „Schokokuss“.