Lasst uns über Machtstrukturen reden

Der „Aufschrei“ ist noch immer zu hören und so langsam wird aus dem Schrei eine Debatte. (Anfangs waren es nur Meinungsäußerungen mit ähnlichem Tenor, jetzt sind auch andere Stimmen zu hören. Etwa Das Schreien der Lämmer von „Frau Meike“ oder auch Thomas Stadler, der (nicht ganz überraschend) in all dem Tumult nur den blinden Herdentrieb sieht, der Tendenz- und Kampagnen-Journalismus hinterher trottet.)

Ich will kurz auf einen Aspekt eingehen, der in meinen Augen zu kurz kommt, bzw. gar nicht beachtet wird.

Vorher muss ich allerdings Allgemeines zum Thema loswerden:

1. Der Aufschrei ist richtig. Je früher übergriffiges und belästigendes Verhalten aus unserer Welt verschwindet, desto besser.

2. Sexismus und sexuelle Belästigung sind in meinen Augen nicht das gleiche. Es mag dieselbe Wurzel haben, aber ein Verhalten, das sich gegen alle Angehörigen eines Geschlechts richtet (~Sexismus), ist nicht gleichzusetzen mit Taten und Worten gegenüber Menschen (bzw. Frauen), die man(n) als attraktiv empfindet und gegenüber denen man glaubt, ein Besitzrecht zu haben. In der Debatte geht es um Beides, aber eher um Letzteres.

3. Eine ernst gemeinte und ganz praktische Aufforderung. Allenthalben ist zu hören „Wir brauchen eine Debatte darüber, was in Ordnung ist und was nicht.“ – Dann fangt doch bitte endlich mal damit an! Macht doch einfach Listen und schreibt, was ok ist und was nicht, liebe Frauen. Mit allen möglichen Beispielen, die gerade so durch den Raum schwirren: Was geht noch? Was geht nicht? Wenn es genug solcher Listen gäbe,  käme die Debatte wirklich voran und wir könnten klarer sehen. (Falls gewünscht, kann ich natürlich auch aus meiner männlichen Sicht eine solche „Ok/Nicht-Ok-Liste“ machen.)

Jetzt aber zum eigentlichen Punkt.

„Lasst uns über Machtstrukturen reden“, twittert Maurizio Cavaliere (@macava) und bringt es auf den Punkt.

So endet der (erste?) SPON-Artikel zum Thema.*

Ja, lasst uns über Machtstrukturen reden.

Ich glaube, dass es außer Frage steht, dass Männer insgesamt und im Schnitt in Deutschland mehr Macht besitzen als Frauen. Sie sitzen überproportional in Regierungen, Parlamenten, Vorständen, Aufsichtsräten und auf Professuren, haben die populären Sportarten fast für sich und prägen gesellschaftliche Debatten häufiger als Frauen. (Ob man diesen Zustand nun „Patriarchat“ nennen sollte oder nicht, ist eine müßige Frage. In meinen Augen ist es das falsche Wort, weil es einen wesentlich krasseren Zustand beschreibt. Wir reden in Deutschland von zahlenmäßigen und wohl auch gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten. Vor dem Gesetz aber sind die Geschlechter gleich. Theoretisch und in Einzelfällen auch praktisch stehen Frauen sämtliche Aufstiegschancen offen. Das ist in „echt“ patriarchalischen Gesellschaften und Staaten anders. Aber die Diskussion um Begrifflichkeiten führt zu nichts.)

Nun heißt all dies allerdings nicht, dass jeder Mann mächtig und jede Frau machtlos ist. Ich warne davor, ob der Sexismus-Debatte andere, vielleicht wichtigere, Machtstrukturen, Kungeleien und Seilschaften zu ignorieren. Es mag wahr sein (wenn auch etwas vereinfacht), dass Männer häufiger aufgrund ihrer „Netzwerke“ auf mächtige Posten gelangen und dort angekommen glauben, alle hübschen Frauen gehörten ihnen. Aber es gelingt bei Weitem nicht allen Männern, weit nach oben zu kommen. Wir sollten eher darüber reden, dass die Falschen aufgrund der falschen Fähigkeiten („Networking“) nach oben kommen.

Denn sexuelles Dominanzverhalten ist in meinen Augen weniger eine Sache des Geschlechts als eine Frage der Persönlichkeit. Wer einem Schuldigem also weniger dessen Taten vorwirft, sonder die Tatsache, dass er ein Mann ist, hilft letztlich den Chauvinisten: „Ich bin ein Mann, ich bin nun mal so!“ Die Front sollte zwischen der Minderheit, die sexuelle Belästigungen für akzeptabel hält, und der Mehrheit, die das anders sieht, verlaufen. Und nicht zwischen Männern und Frauen.

Denn ansonsten stünde hier nicht eine (hoffentlich sehr kleine) Minderheit gegen eine Mehrheit, sondern es würden Menschen, die dort nicht hingehören, auf die Feindseite gedrängt, sodass sich letztlich zwei in Etwa ähnlich große Gruppen gegeneinander stünden.

Und damit sind wir schon beim letzten Punkt angelangt.

Es gibt ziemliche Frauen in Deutschland.

Macht ist kein Bit, das nur den Wert 1 oder 0 annehmen kann. Es gibt nicht nur „mächtig“ und „machtlos“. Macht ist eine diffuse, volatile und vor allem nuancierbare Angelegenheit. Sie kennt sehr viele Zwischenstufen.

Liebe Frauen, die ihr euch (allzu oft sicherlich zurecht) ohnmächtig und ganz unten fühlt: So machtlos seid ihr nicht!

Allein die Tatsache, dass es nur eines kleinen Auslösers und weniger Tage bedurfte, bis der Aufschrei kam, bis Medien den Schrei hörten und aufgriffen, bis eine Debatte entstand, bis auch viele Nicht-Betroffenen Partei ergriffen, zeigt doch, wie viel Macht die von Sexismus und Belästigung Betroffenen haben.

Revolutionen, Aufstände, Umstürze – das zeigt die Geschichte – gingen immer von denjenigen Unterdrückten aus, die mächtig genug waren für die Tat, aber in ihren Augen nicht mächtig genug.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich sage das gar nicht, um das Anliegen zu delegitimieren oder zu diffamieren. Ich will zu bedenken geben: Ihr habt Macht! Ich hoffe, ihr wisst sie richtig zu nutzen.

Und – so wichtig es ist, sich dem Anliegen der aufschreienden Unterdrückten anzunehmen – wir sollten nicht vergessen: Den Aufschrei der wirklich völlig Machtlosen, den hören wir nicht. Per definitionem. Hörten wir ihn, wären sie nicht völlig machtlos.

* Edit: Link auf Tweet von mir. Nicht im Original.

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